Es riecht nach Freiheit.


Könnt ihr das riechen? Hoffnung liegt in der Luft. Hoffnung auf Unbeschwertheit, Hoffnung auf Freiheit, Hoffnung auf Normalität. Gefühlt jeder zweite hat bereits die Impfung bekommen oder hat ein Angebot in Aussicht – plötzlich geht alles ganz schnell. Es macht Mut. Mut zu sehen, dass nach all den zerrenden Maßnahmen ein Licht am Tunnel ist. Es macht Mut zu sehen, wie die Menschen in meinem Umfeld langsam wieder beginnen aufzuatmen. 

22.04.21

Wer hätte jemals gedacht, dass wir einmal Sehnsucht danach haben in ein Restaurant oder eine Bar gehen zu können? Dass wir liebend gerne Unmengen für Getränke bezahlen würden, oder die 30 Minuten Warten vor dem Club plötzlich absolut ertragbar werden – Hauptsache unter Leute. 

Wer hätte gedacht, dass es einmal illegal sein würde sich mit allen Familienmitgliedern gleichzeitig zu treffen. Wer hätte gedacht dass es einmal verboten sein wird nach 22 Uhr das Haus zu verlassen. Es ist ein Licht am Ende des Tunnels und auch wenn ich es schon lange nicht mehr hören kann und jedem buchstäblich ins Gesicht treten möchte, der noch einmal sagt: „Wir müssen jetzt durchhalten“, ist da etwas dran. Könnt ihr das riechen? Auch wenn es Stück für Stück geht – das Leben, wie wir es kennen, oder wenigstens etwas, was dem nahe kommt ist zum greifen nah und ich kann es kaum erwarten. 

02.2021

Gestern war es wieder soweit – 3 Monate sind schon wieder um und ich trete meinen Gang ins Krankenhaus zur elendigen Knochenmark-Punktion wieder einmal an. Halleluja, es ist zum Glück nur noch die Standart Punktion und nicht mehr die ätzende Lumbal-Punktion, bei der ich meinen Rücken zu meinem Katzenbuckel formen musste und die Spritze dann direkt .. ich erspare Details. Ich bin unendlich dankbar, dass ich die Knochenmark-Punktion sediert, also schlafend über mich ergehen lassen kann. Dann darf ich zwar vorher nicht essen, was mir wiiiiiiirklich schwer fällt, aber was solls – jammern auf hohem Niveau. Die letzten 3 Monate verliefen nicht immer so glimpflich wie die Anfangszeit mit meinen Medikamenten. Immer wieder traten Nebenwirkungen auf: Hautausschlag auf Rücken, Brust und im Gesicht, Übelkeit und immer mal wieder Fieber und Erschöpfung. Es ist doch merkwürdig – ein Jahr klappt alles wie geschmiert und plötzlich meint mein Köper sich zu wehren: „Sachmal, langsam reicht es aber auch, oder meinst du nicht, Fenja?“ – Leider nein, leider gar nicht. Lange dauert es jedoch nicht mehr, bis der Medikamentenwahnsinn endet. Noch 3 Monate – drei Monate, die wahrscheinlich wieder verfliegen werden.
Nach der nächsten Punktion bin ich befreit. Bereift von der abendlichen Routine, befreit von unangenehmen Nebenwirkungen. 

Es geht mir fantastisch, ich kann es gar nicht anders sagen, ich fühle mich normal, glücklich. Man sieht mir die Krankheit schon lange nicht mehr an und ich habe wieder Kraft. Es geht mir fantastisch, doch in diesen Momenten der – ich werde nicht sagen Schwäche, weil es keine Schwäche ist – eher Erschöpfung, wird mir doch schnell klar, dass ich auf mich Acht geben muss, immer noch und dass ich eben doch noch nicht ganz durch bin mit diesem Kapitel und das vermutlich auch noch viel Zeit in Anspruch nehmen wird. 

Das letzte Jahr hat mich immer wieder in Angst versetzt. Angst, dass meine Familie sich ansteckt. Angst, dass meine Freunde sich anstecken. Angst, dass ich mich anstecke – weiß der Geier wie das ausgehen würde. Ich bin dankbar, dass bis jetzt sowohl meine Freunde, als auch meine Familie wenig Kontakt mit dem Virus gehabt haben und wir uns nun auf der hoffentlich Zielgeraden befinden. Der Schutz durch diese Impfung nimmt mir dieses schwere Gefühl der Sorge und schenkt mir Sicherheit – Sicherheit, die ich in den alltäglichsten Situationen nicht mehr hatte. Ich war immer ein Mensch, der alle willkommen geheißen hat, doch das war nicht mehr möglich. Ich möchte wieder zu dem Menschen werden, der nicht denkt jede weitere Person ist eine zu viel – das finde ich wirklich furchtbar und freue mich schon darauf diese grausame Eigenschaft wieder abzulegen. 

Ich bin dankbar für diese Sicherheit, dankbar dass es mir gut geht, dankbar dass auch in der Erhaltungstherapie große Schritte Richtung Ende gemacht werden. Ich freue mich auf wärmere Tage in Gesellschaft vieler Gesichte, die ich das letzte Jahr nicht sehe konnte. Sommer? Bitte sei nett. 

28.05.2021

P.S. Gestern war nicht nur wiedermal ein Aufenthalt im Krankenhaus, sondern auch passend dazu der „world-bloodcancer-day“ – „Welt-Blutkrebs-Tag“. An dieser Stelle kann ich nur zum tausendsten Mal aufrufen: Solltet ihr im passenden Alter, gesund und noch nicht typisiert sein, dann lasst euch bei der DKMS registrieren. Einfach kann man nicht zum Helden werden. So viele Menschen erkranken an Blutkrebs und es gibt schon so tolle Möglichkeiten dieses Arschloch zu bekämpfen. Je mehr Menschen registriert sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit Leben zu retten. Also do it – Stäbchen rein, Spender sein. 

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