Oh Herbst, lang ersehnter Herbst.

Der Herbst ist gekommen, es fühlt sich schon fast an wie Winter. November, 11 Monate sind vergangen seit der Diagnose. 11 Monate, die wahrlich kein Spaziergang waren. 11 Monate voller Krankenhaus, voller Untersuchungen, voller körperlicher Schwäche. Aber auch 11 Monate voller Dankbarkeit, voller Fortschritte und voller Liebe. Noch nie habe ich mich so nah meinen Freunden und noch viel mehr meiner Familie gefühlt. Diese 11 Monate sind nun endlich vorbei, die Intensivtherapie ist vorbei und das wurde auch wirklich Zeit. 

Nie wieder Chemo, toi toi toi! Hoffentlich nie wieder wegen dieser scheiß Krankheit länger im Krankenhaus bleiben und nie wieder so sehr auf andere Menschen angewiesen sein. Es nervt! Natürlich fahren meine Eltern und mein Freund mich überall hin, wo ich hinmuss. Aber ich habe es satt. Ich möchte nicht mehr, dass sie wegen mir später zur Arbeit fahren, oder ihren Nachmittag verschwenden, ich möchte selbstständig sein, möchte auf niemanden angewiesen sein. 

Der Herbst ist gekommen, die Intensivtherapie ist vorbei. Der schlimmste Teil der Therapie ist geschafft und ich kann endlich wieder mein Leben Richtung Normalität steuern. Wie schön ist es einfach selbstständig über sein Leben bestimmen zu können? Selbst entscheiden, wann man wo ist und was man wann machen möchte. Ich bin unendlich froh endlich nicht mehr fremdbestimmt durchs Krankenhaus zu sein und mein Leben nicht mehr nach den Chemo-Zyklen planen zu müssen. Endlich wieder selbstständig sein. Selbstständig Termine machen, selbstständig planen, selbstständig seinen Aufenthaltsort bestimmen, selbstständig mein eigenes Geld verdienen. 

Vor genau 3 Tagen wurde ich endlich zum letzten Mal entlassen und was macht mein Körper zu aller erst? Genau, krank werden. Natürlich muss ich trotzdem weiterhin aufpassen, dass ich mir keine Infekte einhandle und bin natürlich auch noch ordentlich anfällig dafür, aber ich kann mir auch vorstellen, dass mein Körper einfach die ganze Anspannung von sich gelassen und einfach mal losgelassen hat. 11 Monate lang war es absolut unerwünscht krank zu sein, da die Chemo hätte verschoben werden müssen und kaum sind die Chemo-Zyklen vorbei, zack krank. Das nenne ich Timing. 

Gut erholt und befreit von der kleinen Erkältung, die ich momentan mit mir rumschleppe, kehre ich am 02.12. ins Krankenhaus zurück und starte die Erhaltungstherapie. Komplett krebsfrei bin ich offiziell noch nicht, aber der Weg dahin ist nicht mehr weit. 2,5 Jahre Erhaltungstherapie stehen mir noch bevor. Und 5 Jahre nach der Beendigung der Therapie ist man erst wieder wirklich „gesund“

Der Herbst ist gekommen und ich schaue auf ein 2020, welches nur besser werden kann als dieses verfluchte 2019. 2020, ein Jahr voller Selbstständigkeit, voller Fortschritte und voller Erfolge. 2020, ein Jahr in dem ich hoffentlich meine Dankbarkeit zeigen kann und soviel wie möglich zurückgeben möchte. Ich bin froh den schlimmsten Teil der Therapie überstanden zu haben und blicke in eine schöne Zukunft. Ich musste 2019 schlagartig erwachsen werden und nehme aus diesem Jahr so viel an Erfahrung und Stärke mit in die Zukunft. Wie sagt man so schön? „Was einen nicht umbringt, macht einen stärker“, und so blöd der Spruch auch ist, er stimmt. Ich bin stärker denn je und so möchte ich ab jetzt auch leben. 

Intensivtherapie – die Letzte.

Wie fühlt es sich an mitten im letzten Chemoblock zu stecken? Wie fühlt es sich an kurz vor dem Ende der Intensivtherapie zu stehen? Sollte ich nicht springen und tanzen? Wirklich feiern werde ich wahrscheinlich erst können, wenn der Arzt mir in einigen Jahren sagt: „Frau Harms, Sie sind gesund!“ 
Die Ärzte sind sehr zufrieden. Klar gibt einem das ein sicheres Gefühl, doch gleichzeitig ist da dieser kleine Teil an Zellen, der eben noch nicht weg ist und einem ein mulmiges Gefühl im Magen verschafft. 
„Dieser Teil ist so minimal, dass die Therapie und auch die Erhaltungstherapie ganz normal ablaufen können – wir sind uns sicher, dass auch dieses letzte Stück dann mit der Zeit verschwindet.“ Es ist schön solche Worte zu hören, doch im Hinterkopf flüstert leise eine Stimmte: „Was, wenn nicht?“ 

In einem Punkt bin ich mir zu hundert, nein, sogar zu tausend Prozent sicher: Diese Chemo tritt der Krankheit nochmals sowas von in den Arsch! Ich muss zwar auch mit den Nebenwirkungen kämpfen, jedoch gibt mir die Kraft der Chemo Sicherheit. Endlich alle Zellen loswerden, endlich den ganzen Scheiß hinter mir lassen. Kann es denn so schwer sein? 

Die Nebenwirkungen waren tatsächlich noch kein einziges Mal so stark, wie im letzten Durchgang, zumindest was die Schleimhäute betrifft. Kein Appetit, Entzündeter Mund, entzündete Zunge. Reden ging nur mit Mühe, essen eigentlich gar nicht. Wenn ich einen Liter stilles Mineralwasser am Tag runter bekam war ich schon mehr als zufrieden mit mir. Dieser verfluchte Teufelskreis, zu wenig Essen = Bauchschmerzen, zu wenig Trinken = Kopfschmerzen. Kaputt und müde war ich zusätzlich natürlich auch noch. Aber egal dachte ich mir die ganze Zeit. Ganz egal, je stärker die Chemo ist, desto wahrscheinlicher ist es den ganzen Müll endlich los zu sein und endlich einen weiteren Schritt Richtung Gesundheit zu machen. Bei allem was ich jetzt noch über mich ergehen lassen muss denke ich mir: „Es ist bald vorbei, endlich vorbei.“ 

Meine Gesundheit steht und wird auch immer an erster Stelle stehen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt hat man aber einfach keine Lust mehr, man hat es satt. Ich würde niemals in meinem Leben aufhören zu kämpfen, zu keinem Zeitpunkt. Ich würde das ganze Prozedere auch wieder und wieder über mich ergehen lassen, weil ich weiß, dass ich wieder gesund werde und ein normales Leben führen kann Irgendwann ist die Geduld jedoch an einem Punkt, an dem man sich sagt: Hey, reicht jetzt auch. Genug mit Schmerzen, genug mit Nebenwirkungen, genug mit Behandlungen, genug mit Spritzen, genug mit Tabletten und vor allem genug mit Krankenhaus. 

Es liegen noch ein paar Tage Krankenhaus vor mir, in denen ich stationär aufgenommen bin und hierbleiben muss. Die 24h-Chemo tropft neben mir bereits und läuft langsam, aber sicher in meine Venen. Ich merke davon nichts, wie immer, aber natürlich weiß ich, dass auch dieses Mal wieder einiges auf mich zukommen kann. Es ist so trügerisch. Still und leise läuft die giftgelbe Flüssigkeit in den Körper, ohne dass man es auch nur ansatzweise etwas spürt und Tage später BOOM zeigt das gute Mittel, was es wirklich draufhat.

Nach dem stationären Aufenthalt muss ich alle zwei Tage wieder ins Krankenhaus kommen, um meine Werte kontrollieren zu lassen und wenn diese wieder in Ordnung sind, ist die Intensivtherapie vorbei. Vorbei? Einfach vorbei. Es ist für mich noch so unglaublich surreal. War nicht gerade eben noch Dezember? Haben wir nicht gerade erst gesagt: „Wenn der Sommer vorbei ist, dann ist es fast geschafft.“ Und wo stehen wir jetzt? Es ist Herbst! Die Blätter fallen endlich von den Bäumen, es regnet den ganzen Tag und die letzte Chemotherapie ist im Gange. Meine Haare werden immer dichter, körperlich werde ich von Chemopause zu Chemopause fitter und auch mental geht es mir verdammt gut. Der letzte Chemoblock, was für ein komisches Gefühl. 

Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass auch während der Erhaltungstherapie noch sehr, seeehr viel auf mich zukommen wird und dass auch diese Therapie kein Spaziergang wird, doch der größte Teil ist geschafft und hey, ich bin verdammt stolz auf mich! 

Ich habe Spritzen über mich ergehen lassen, wurde so oft gepikst, dass alle meine Venen komplett vernarbt sind, ich habe mindestens 50% meiner Zeit im Krankenhaus verbracht und wenn nicht im Krankenhaus, dann auf der Couch oder im Bett. Meine Haare mussten sich verabschieden, und zwar alle Haare, im Gesicht sehe ich aus, als würde ich 100 Kilo wiegen, während ich tatsächlich 10 Kilo abgenommen habe. Das alles ist aber egal, denn ich habe niemals mein Gesicht verloren. Ich habe niemals die Freude am Leben und an den schönen Dingen verloren. Ich bin immer noch ich, ein offener, vor allem lebensfroher und positiver Mensch. Meine Familie und meine Freunde müssen so viel mit mir durchmachen und auch ihr könnt allesamt so verdammt stolz auf euch sein, denn ich war bestimmt nicht die ganze Zeit über so erträglich.

Noch ein paar Wochen und ich mache den nächsten riesigen Schritt Richtung Zukunft, Richtung Gesundheit und es gibt nichts auf das ich mich mehr freue. 

Der Sommer ist vorbei – endlich.

Die Zeit rennt. Der Sommer ist vorbei. Drei teils grauenhafte, aber auch teils wunderschöne Monate sind vorüber und der Herbst steht vor der Tür. „Wenn erstmal der Sommer vorbei ist, dann ist das Ende in Sicht“, haben wir zum Anfang der Therapie immer gesagt. „Ist der Sommer überstanden, ist der Rest eine Kleinigkeit.“ Jetzt ist es soweit, der Sommer ist vorbei. Wieder sitze ich im Krankenhaus und hoffe so sehr, dass meine Werte immer besser werden und sich alles weiterhin positiv entwickelt. 

Mein Sommer-Resümee? Die Hitze hat mich in die Knie gezwungen. Sobald die 30 Grad Marke geknackt wurde, war es für mich ein Ding der Unmöglichkeit die Zeit draußen zu verbringen. Aus meiner geliebten Sonne wurde mein größter Feind. Je länger der letzte Zyklus und somit auch die letzte Chemo vergangen waren, desto besser kam ich mit den Temperaturen klar. Die letzten Wochen konnte ich dick eingecremt und mit absolut hässlichem Sonnenhut sogar ein wenig Vitamin D tanken.  Lasst euch sagen: Es hat so gutgetan! Urlaub – nur Zuhause. Zeit mit den Liebsten verbringen, lecker essen, die Sonnenstrahlen genießen und sich nicht mehr vor ihnen verstecken. Unternehmungen, am Wasser, am Meer. Lange Spaziergänge und sogar Feiern, was ich mir noch vor kurzer Zeit niemals zugetraut hätte. Es fühlt sich so normal an, ich fühle mich wieder stärker. Manchmal fällt es mir sehr schwer alles zu verstehen, manchmal möchte es einfach nicht in meinen Kopf gehen. Ich bin fit, die meiste Zeit zumindest, unternehme viele Sachen, fühle mich gut und lache viel. Trotzdem sitzt da etwas in meinem Körper, was bösartig ist und was meinen Zustand immer wieder verschlechtern könnte. Ich fühle mich gesund, klar bin ich körperlich schwach, aber mein Allgemeinwohlsein ist gut, doch da lauert in meinem Körper etwas, was mich kaputt machen könnte. In solchen wundervollen Momenten, wie dem kleinen „Urlaub“ und die Zeit mit meinen Liebsten lassen mich einfach vergessen, dass dieses bösartige Zeug in meinem Blut überhaupt existiert und das ist auch gut so!

Jede Sekunde, die es mir so gut geht macht mich stärker. Jede Minute, die ich nicht daran denken muss und mich normal fühlen kann gibt mir so viel. 

Ich bin an dem Punkt, auf den ich seit letztem Dezember gewartet habe, der Sommer ist vorbei. Es geht in die letzte Phase. Die vorletzte Therapie ist gerade im Gange und darauf folgt noch ein ziemlich langer Zyklus, der in 2 Blöcke aufgeteilt wird. Dieser momentane Block ist nicht sonderlich stark, die Ärzte rechnen mit wenig Nebenwirkungen, doch der nächste wird noch einmal härter. Aber sind wir doch mal ganz ehrlich? Das stehe ich jetzt auch noch durch. Neun Monate sind wie im Flug vergangen und ich blicke nun auf den Endspurt. Die letzten Blöcke, um der Leukämie und diesen beschissenen Zellen nochmal so richtig in den Arsch zu treten. Sie sollen weg sein, wegbleiben und das für immer. Das Ziel ist November und darauf folgen noch 1,5 Jahre Erhaltungstherapie. Aber erst einmal November. Der Sommer ist überstanden und das Versteckspiel vor der Sonne vorbei. Neun Monate pendeln zwischen Krankenhaus und zu Hause sind um, sieben Chemos geschafft, bald acht. Zwei Monate liegen jetzt noch vor mir. Zwei Monate, die ich im Krankenhaus verbringen muss und Chemo bekomme. Zwei Monate den Zellen noch einmal richtig Feuer geben, damit das alles endlich ein Ende hat. Ich habe keine Lust mehr, möchte ein normales Leben. Möchte nicht immer als erste nach Hause, weil ich kaputt bin, möchte mich in die Sonne legen ohne gleich Allergien, Infektionen oder Sonstiges befürchten zu müssen. Vor allem aber möchte ich in der Zukunft irgendwann wieder voller Stolz sagen können „ich bin gesund.“ 

Mich gibt’s auch noch.


Lang ist’s her seit ich mich das letzte Mal hier gemeldet habe. Ziemlich still ist es um mich geworden. Aber was soll ich erzählen, wenn es nichts zu erzählen gibt? Was soll ich schreiben, wenn alles immer gleich abläuft. Es hätte einfach keinen Sinn gemacht einen Beitrag zu schreiben über Dinge die eh schon alle wissen. 
Nach einem langen Zeitraum, einigen Chemos und einer kleinen, schwarzen Haarpracht, die mir momentan wieder ausfällt, gibt es tatsächlich wieder mehr zu berichten. Es hat sich etwas geändert, eine Sache, die mir überhaupt nicht zu Gute kommt und mir wirklich ordentlich zu schaffen macht: das Wetter. Ich kann einfach nur sagen, wenn man als gesunder Mensch denkt: „Boah, das Wetter kann man echt nur im Wasser aushalten“, oder „Ich bin so kaputt bei der Hitze“, dann sollte man mal einen Menschen fragen, der Chemotherapie bekommt. Halleluja! Sagen wir es mal so, eigentlich habe ich mich die letzten zwei Wochen vor der Sonne und der Hitze versteckt. Die 15 Grad momentan sind für mich ein absoluter Segen. Ich bin vermutlich der einzige Mensch, der sich über die Kälte freut. Eigentlich liebe ich die Sonne, ich liebe es Dinge mit Freunden zu unternehmen und die Hitze im See oder Schwimmbad auszuhalten. See und Schwimmbad? Ach, da war ja was, darf man natürlich während der Therapie absolut nicht und auf keinen Fall. Also sitze ich in meiner Wohnung und bin mehr als dankbar, dass die schön kühl ist, obwohl wir im 7. Stock wohnen. Kleinere Ausflüge zum Wochenmarkt oder zum Einkaufen in der Sonne haben mich immer sofort in die Knie gezwungen. Wenn ich nach so einer Aktion wieder Zuhause angekommen bin, musste ich mich erstmal aufs Sofa legen und mich erholen… vom Einkaufen… in einem Geschäft, das zu Fuß 2 Minuten von der Wohnung entfernt ist. Es ist absolut nervig, dass man nicht wirklich Kontrolle über seinen Körper hat. Natürlich möchte ich tun und machen, aber es geht einfach manchmal nicht so wie will. 

Hier im Norden ist das Wetter zwischendurch immer wieder sehr abgekühlt und zu quälenden Temperaturen wie 35 Grad oder höher ist es gar nicht gekommen, worüber ich so unfassbar froh bin. Jeder Windzug, jede Wolke ist für mich ein absoluter Segen. Sobald es ein wenig abgekühlt ist auf 25 Grad geht es mir auch wieder blendend und ich merke nichts von der Krankheit und der Therapie, doch wenn es so ekelhaft drückend und schwül draußen wird, kann man eigentlich fest damit rechnen, dass ich den ganzen Tag in meiner Wohnung auf der Couch verbringe und eine Koch-Show nach der nächsten schaue, um der Hitze aus dem Weg zu gehen. 

Ich beneide alle Leute so sehr, die sich in die Sonne legen, im See schwimmen oder einfach andere schöne Dinge in der Sonne machen, ohne gleich halb ins Koma zu fallen. Aber guess what? Nächstes Jahr mache ich das auch alles wieder. Bis dahin werde ich einfach immer erst gegen 21 Uhr das Haus verlassen, wenn es abgekühlt ist. Passend dazu, dass ich zurück ins Krankenhaus gegangen bin haben sich die Temperaturen zum Glück auch zurückgenommen. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie schlimm es hier die letzten Wochen gewesen sein muss, so ohne Klimaanlage und jegliche Möglichkeit zu lüften. Nicht lüften? Nö, das darf man hier nicht mehr, weil die Luft in den Zimmern extra gefiltert wird, um Infektionsgefahren zu vermindern und Bakterien zu verringern. Die heiße Luft lässt sich dadurch aber natürlich nicht wegfiltern. Es wäre vermutlich die Hölle geworden. 

An sich geht es mir sehr gut. Mein Gesicht ist durch die Medikamente zwar immer noch sehr aufgedunsen und ich wünsche mir wirklich sehr mein normales Gesicht zurück, doch ansonsten habe ich keine Beschwerden und bin tatsächlich wirklich fit. Ich fühle mich überhaupt nicht krank und bin weder kaputt, noch habe ich andere Probleme. Die kurzen Aufenthalte im Krankenhaus sind wirklich schön und gerade merke ich von der Chemo noch nichts und kann meine Zeit, ob hier in Bremen oder in Bremerhaven sinnvoll nutzen, mit meinen Freunden und meiner Familie. So schlimm die Krankheit auch ist, durch sie merke ich immer wieder wie unglaublich eng meine Bindung zu meiner Familie ist und wie wichtig mir diese Nähe zu meinen Verwandten ist. Meine Mama und mein Papa würden vermutlich Bäume für mich ausreißen, wenn sie müssten und dafür bin ich sehr dankbar. Natürlich verbringe ich auch viel mehr Zeit als vorher mit meiner Familie und das möchte ich nicht mehr missen. 


Auch wenn bei mir momentan medizinisch nicht alles zu 100% glatt läuft und die Ärzte nicht zu 100% zufrieden sind, habe ich immer Menschen um mich herum, die mich auffangen, die mir Kraft geben und mit denen ich immer offen über jede Kleinigkeit, jeden minimalen Rückschlag und natürlich jeden Erfolg sprechen kann. 

Was mir in letzter Zeit aufgefallen ist, ist das man durch die Gespräche im Krankenhaus und natürlich auch viel durch Social Media über andere Schicksale mit der Krankheit Leukämie erfährt, sowohl positiv als auch negativ. Die erste Reaktion, die dann natürlich im Kopf passiert, ist sich mit dem Schicksal zu vergleichen und genau das ist ein absoluter Fehler! Ganz am Anfang war eine der ersten Dinge, die mir meine erste Bettnachbarin mitgegeben hat: „Vergleiche dich nicht mit anderen. Jeder hier hat seine eigene Geschichte und keiner hier gleicht dem anderen.“ Und wie recht sie hatte! Wenn man seine Zeit zwangsläufig im Krankenhaus verbringt wird man immer Patienten erleben, bei denen die Krankheit nicht so gut bekämpft werden kann und im schlimmsten Fall erlebt man sogar einen Todesfall. All diese natürlich belastenden Eindrücke darf man niemals auf sich selbst projizieren. Nur weil ein anderer Patient schlimme Nebenwirkungen hat, heißt es noch lange nicht, dass du das auch hast und nur weil die Chemo bei dem einen schlechter anschlägt, heißt es nicht, dass es bei dir auch so ist. Dieser eine Satz meiner Bettnachbarin hat absolut dazu beigetragen, dass ich solche Storys nicht zu nah an mich heranlasse, geschweige denn mit mir vergleiche. Der menschliche Körper ist so komplex und bei jedem Menschen so verschieden. Egal ob Alter, Gewicht, Größe, die Form der Krankheit und natürlich die Einstellung machen einen riesen Unterschied bei jedem Einzelnen im Therapieverlauf. Also niemals den Kopf hängen lassen und bloß nicht durch andere Geschichten verunsichern lassen. Du bist stärker! 

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Wellness und Essen.

Wie schnell die Zeit vergehen kann merkt man vermutlich erst, wenn einem etwas Unangenehmes bevorsteht. Wochen werden zu Tagen, Tage zu Stunden und Stunden zu Minuten. Knapp zwei Wochen fliegen vorbei. Ich bin doch gerade erst entlassen worden und schon sitze ich wieder auf Station. Diesmal auf einer neuen Station. „Wir“ sind quasi umgezogen in einen Neubau und es läuft noch alles drunter und drüber, aber ich habe meinen eigenen kleinen Fernseher und muss mich mit niemandem auf ein Fernsehprogramm einigen. Das ist wirklich praktisch. Sind wir mal ehrlich: Das Alter meiner Mitpatienten ist schon wesentlich älter als meins und dementsprechend ist denke ich auch der Geschmack des Fernsehprogramms. Auf der alten Station habe ich das mit dem Fernsehen auf der alten Röhre also einfach gelassen, dagegen ist es hier im neuen Zimmer schon ein wenig Luxus, also wenigstens so ein bisschen. 
Was ich zugeben muss, ich habe die letzten zwei Wochen aber auch wirklich viel gemacht, das hat die Zeit vermutlich noch schneller vergehen lassen, als eh schon. Die erste Woche hatte ich leider ziemlich mit meinem Magen zu kämpfen. Essen war für mich wirklich eine Anstrengung, nur wenige Happen und ich war mehr als satt. Für mich absolut schlimm, ich esse doch so gerne.

Langsam merke ich, dass mein Körper schwächer wird und ich nicht mehr so einwandfrei auf jede Chemo reagiere. Mein Körper wird von Chemo zu Chemo schwächer und dementsprechend reagiere ich. Zum Glück ist das Ganze nicht mehr so stark und schlimm wie am Anfang. Gar nicht vorzustellen, wie dreckig es mir vermutlich jetzt gehen würde, würden die mir das starke Zeug durch den Körper jagen. Zwei Wochen nicht wirklich essen zerrt natürlich ungemein an der Kraft und zwangsläufig auch am Körpergewicht. Mittlerweile habe ich seit Therapiebeginn gute acht Kilo abgenommen. Zu dünn fühle ich mich nicht, eigentlich fühle ich mich sogar ganz wohl mit meinem jetzigen Gewicht. Aber doch bitte unter anderen Umständen und mit vernünftigem Appetit. Woche Zwei ging es schon wesentlich bergauf und meine Mutti und ich haben etwas gemacht, was ich wirklich jedem wärmstens empfehlen kann: Wellness! Einfach ein paar Tage den Kopf ausschalten, am Strand spazieren, die gute Luft genießen, gut essen und es sich einfach gutgehen lassen. Wir haben einfach ins Blaue hinein ein Zimmer in Grömitzan der Ostsee gebucht und hatten dort eine tolle Zeit mit fantastischem Essen und ganz viel Entspannung. 

Bei Gott, es war wirklich einfach nur erholsam. Auch wenn das Wetter nicht so ganz mitgespielt hat war es wunderschön. Obwohl, eigentlich hat das Wetter sehr wohl alles richtig gemacht. Wir konnten einen Tag guten Gewissens im Wellnessbereich vertrödeln, ohne Sonne oder schönes Wetter zu verpassen und konnten am nächsten Tag trotzdem etwas Sonne tanken, als die Wolken wieder wegzogen. Wie gesagt, ich kann es einfach jedem ans Herz legen, der so eine blöde Therapie macht.

Manchmal kommt man einfach an den Punkt, an dem man sich selbst sagt: Ich kann nicht mehr und ich will auch nicht mehr und verdammt, ich bin erst bei der Hälfte.

Es hilft wahnsinnig einfach mal den ganzen Scheiß zu vergessen und Kraft zu tanken. Es lässt einen wieder positiver denken. Jetzt stellt sich natürlich die Fragen: Gutes Essen? Fantastisches Essen? Bei einem angeschlagenen Magen? Wir hatten Halbpension und somit Frühstücksbuffet und Abendbuffet vom wirklich allerfeinsten. Alles was das Herz und vor allem mein Herz begehrt wurde geboten. Zum Frühstück gab es Ei in allen Varianten, leckerer Käse, frisches Brot, Gemüse, unwahrscheinlich viel frisches Obst, Bacon, Pfannkuchen und, und, und. Zum Abendessen verschiedene Suppen, Fleisch, Fisch, Gemüse und alles in so vielen leckeren Varianten und einer Qualität, es war zum Niederknien, einfach göttlich. Mein Magen hat sich zum Glück ein wenig beruhigt und ich konnte das Essen genießen, zwar habe ich vermutlich wesentlich länger gebraucht als alle anderen Gäste, aber so waren sogar große Portionen machbar. 

Ach, etwas, was ich gerade mal eben so in einem Satz nebenbei erwähnt habe: Hey, es ist Halbzeit. Die Hälfte ist geschafft! Die erste Hälfte ist, wenn ich zurück denke wirklich schnell umgegangen, doch das Ganze noch einmal? Ich muss zugeben, manchmal denke ich wirklich: Es reicht doch langsam. Aber ich weiß, ich weiß, ich brauche das und ich will ja auch wieder gesund werden, und das um jeden Preis.

Es heißt weitermachen, weiterkämpfen und dieser ekelhaften Krankheit keinen Platz in meinem Leben geben.

Ich kann mich so glücklich schätzen, wundervolle Menschen um mich zu haben, die mich einfach packen und mit mir ein paar Tage einfach die Krankheit vergessen und einfach die Zeit genießen. 

Zum Abschluss der mal wieder wirklich schönen zwei Wochen konnte ich noch mit meinen Freunden zum Seestadtfest. Einfach Spaß haben und auch hier natürlich essen, essen, essen und ein bisschen feiern, so viel wie mein Körper es zulässt. Der krönende Abschluss vom Abschluss war dann noch das Essen in einem Lieblingsrestaurant zum ein-jährigen mit meinem Freund. Der muss auch so viel mit mir durchmachen, dafür an dieser Stelle auch noch einmal ein dickes, fettes DANKE. So hätten wir uns unser erstes Jahr auch nicht vorgestellt. Unsere nächsten Jahre werden dafür umso schöner und lassen uns diesen Zeitraum einfach vergessen.
Der fünfte Chemoblock steht jetzt bevor und ich bin unendlich froh, dass ich nicht mehr so extrem viel Zeit im Krankenhaus verbringen muss. Wie der Arzt es so schön sagt: „Wir halten Sie jetzt an der langen Leine.“Diese Woche ein paar Tage, nächste Woche und dann bis die Werte wieder in Ordnung sind. Ich bin gespannt wie mein Körper reagiert und hoffe einfach schnell wieder Zuhause zu sein. Drückt mir ganz fest die Daumen! 


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Gedankengulasch.

Osterlamm bei Oma gefuttert, mit Freunden in den Mai getanzt und ganz viel Spaß gehabt. Jetzt hocke ich wieder hier auf meinem kleinen Einzelbett, höre den ganzen Tag Podcast und werde von Ärzten und Schwestern zurück auf den Boden der Tatsachen geholt. Podcast-hören habe ich hier im Krankenhaus absolut für mich entdeckt. Von Netflix zu Spotify, all-day-long. Dazu spiele ich im Übrigen ungesund viel Candy Crush. Meine Zeit hier nutze ich offensichtlich sehr sinnvoll und produktiv. 
Was ist besser um Zeit totzuschlagen, als sich mal wieder dem Schreiben zu widmen? Klar passieren bei mir jetzt auch nicht immer super spannende Dinge, die es sich lohnt zu erzählen und ich möchte auch niemandem auf die Nase binden, welchen Aufschnitt ich heute auf meinem Gourmet Krankenhausfrühstück hatte oder was ich so Zuhause getrieben habe, das ist im Großen und Ganzen nämlich absolut langweilig und alltäglich, für mich aber super schön und entspannend. 
Worüber also jetzt schreiben? Einfach drauf los, ohne festes Thema, ohne roten Faden. Einfach mal wieder schreiben, was mir so durch den Kopf geht.
Vielleicht starte ich damit, wie es mir momentan geht. Mein Magen randaliert Tag für Tag. Es ist keine wirkliche Übelkeit, Bauchschmerzen sind es auch nicht, aber wohl fühle ich mich irgendwie nicht. Ich weiß, man hört nur Mimimimimi, aber das sind nun mal leider die Nachwirkungen der Chemo, wie die Schwester so schön gesagt hat: „Ein kompletter Tag im Bett darf auch mal sein. Mach einfach drei Kreuze, wenn der Tag vorbei ist.“ Ich vergesse komischerweise immer wie blöd manche Nebenwirkungen sein können. In meinem Kopf spaziere ich hier immer top fit durch und habe keinen Tag mit Beschwerden. Die Realität ist natürlich anders. Aber mit Beschwerden muss hier im Krankenhaus ja zum Glück niemand leben, also lasse ich mir immer fleißig Mittel gegen Übelkeit geben um über den Tag zu kommen und so über die Zeit in meinem Einzelbett, die hoffentlich schnell wieder vorbei ist. Zurzeit befinde ich mich im 4. Block von 10 und sitze hier nach einer 24-Stunden-Chemo meine Zeit ab. Meine Haare wachsen tatsächlich wieder teilweise nach, allerdings nicht auf dem Kopf, sondern nur an den Kopfseiten. Man kann mich auch Hans-Dieternennen. Als würde ich nicht wild genug aussehen, haben sich meine Augenbrauen dazu entschieden immer so zu 50% auszufallen. Zuerst ist die vordere Hälfte, also dieses Buschige ausgefallen. Während das jetzt schön nachwächst und ich da ganz viele Stoppeln und Härchen habe, hat sich die hintere Hälfte zum Abgang entschlossen und ist jetzt auch nur noch so halb da. Praktischerweise habe ich einen ganz guten Augenbrauenstift für mich gefunden, sodass ich, wenn ich unter Menschen gehe nicht komplett verrückt aussehe. Wer wissen will, um welches Produkt es sich genau handelt kann mich sehr gerne fragen, ich kann allerdings nicht garantieren, dass ich eine Ahnung habe wie es heißt, denn ich habe ihn natürlich nicht mit in einem kleinen Gefängnis. Ich versuche aber mein Bestes, versprochen. Ein sehr positiver Fakt: Meine Wimpern kommen wieder. Sie sind sehr kurz und noch nicht wirklich zu gebrauchen, aber sie sind da und das ist nachdem da wirklich so gar nichts mehr war wirklich erfreulich Dreimal klopfen auf Holz, dass das so bleibt. Von den Haaren, die ich momentan teilweise auf dem Kopf habe wird definitiv nichts bleiben, das kann ich garantieren. Dafür habe ich noch zu viel Chemo vor mir. Langsam, aber sicher werden auch die sich wieder verabschieden und ich transformiere mich zurück von Halbglatze Hans-Dieter zu Glatzi. Ist mir auch ganz recht, wenn ich ehrlich bin. 


Es ist ein merkwürdiges Gefühl, dass schon so viel Zeit vergangen ist, allerdings auch noch so viel Zeit vor einem liegt. Manchmal habe ich das Gefühl ich bin quasi schon durch mit der Therapie und manchmal kommt es mir so vor als würden noch Jahre vor mir liegen. Auf der Station bin ich mittlerweile schon der „alte Hase“, was mir natürlich auch das Gefühl gibt: „ach so lang kann es nicht mehr sein“. Doch wenn man sich den Zeitplan anguckt bin ich leider noch nicht mal bei der Hälfte. 

Ich freue mich auf den Sommer, auch wenn ich nicht in die Sonne darf. Ich freue mich auf lange, warme Sommernächte mit Freunden, auch wenn ich keinen Alkohol trinken darf. Ich freue mich auf ganz viel gutes Essen, auch wenn ich nicht alles essen darf.

Ist der Sommer dann irgendwann vorbei, ist November und somit das Ziel auch schon in greifbarer Nähe. Es ist so großartig den Osterdeich hier direkt vor der Tür zu haben und innerhalb von 10 Minuten zu Fuß an der Weser zu sein, um dort ein paar Sonnenstunden zu verbringen. Wenn ich mir überlege, dass es natürlich auch Krankenhäuser gibt, die absolut nicht so gut angeschlossen sind bin ich wirklich froh hier zu sein, um auch von hier aus Zeit mit meinen Liebsten zu genießen. 
Manchmal habe ich das Gefühl ich schreibe hier jedes Mal den Gleichen Quatsch hin, aber es ist einfach so unglaublich wichtig und schön die Kleinen Dinge zu würdigen. Wenn ihr gesund seid und das hier lest, dann denkt einfach mal ganz kurz darüber nach wie unwichtig der Streit mit der Freundin oder dem Freund gerade ist, oder dass ihr euch mal wieder bei den Eltern melden könntet, einfach weil sie so ein wichtiger und starker Teil im Leben sind. Seid froh, dass du genüsslich in euren Döner beißen könnt, ohne auf irgendwas achten zu müssen und ärgert euch etwas weniger über den nervigen Uni-Kram oder die ätzende Hausarbeit. 
Ich stöpsle mir jetzt wieder meine Kopfhörer ins Ohr, mache mir einen Podcast an, bei dem ich lachen kann, lege die Füße etwas hoch und spiele unendlich viele Runden Candy Crush, bis ich mein Handy vor Aggressionen gegen die Wand werfen möchte. Vielleicht mache ich mir noch einen Kamillen-Tee gegen die Magenschmerzen, wenn man es Schmerzen nennen kann und hoffe auf Besserung. 

 

Mal kurz. Mal lockig. Mal lang.

Kann mal bitte jemand die Zeit anhalten? Hilfe. Drei Wochen Zuhause sind schon wieder vorbei gerauscht. Drei Wochen mit Freunden und Familie. Drei Wochen ohne das Gefühl krank zu sein. Innerhalb gefühlter Minuten ist die Zeit vorbei gegangen und jetzt sitze ich wieder im Krankenhaus. Frisch operiert mit leichten Schmerzen. Die erste Chemo ist auch schon wieder durch, der nächste Teil folgt dann die nächsten Tage. Dann wieder Anfang Mai. 


Aber warum zur Hölle eine Operation? Mir wurde ein Port eingesetzt. Bisher hatte ich ja immer meine Schläuche am Hals rumhängen, über die ich die Chemo bekommen habe. Das hat jetzt ein Ende. Mir wurde jetzt ein kleines „Kunststoff-Dings“ (Ich weiß nicht wie ich es anders beschreiben soll) über der rechten Brust eingepflanzt. Über dieses „Ding“ bekomme ich ab jetzt Infusionen, Chemos, mir wird darüber Blut abgenommen und, und, und. Dieses kleine Plastik-Ding regelt ab jetzt alles und mein Hals bleibt verschont. Der Port wird ein einziges Mal (wenn natürlich alles gut läuft) eingepflanzt und bleibt dort bis zum Ende der Therapie, während der zentrale Venenkatheter, das Gehängsel am Hals, alle 20 bis 30 Tage erneuert werden muss. Also weniger Anstrengung für alle, sowohl für mich, als auch für die Ärzte. Nur einen Tag nachdem er mir eingepflanzt wurde, haben die Ärzte ihn auch schon in Betrieb genommen. Das war vielleicht ein komisches Gefühl, das sag ich euch. Die Wunde noch taufrisch und schon im Einsatz. Naja, ich will immerhin so schnell es geht wieder nach Hause und dafür muss so schnell es geht die Chemo gegeben werden und dafür wird ja der Port gebraucht. Also ist es mir im Endeffekt recht, die Ärzte wissen schon was sie tun.


Zum Glück stehen bei mir gerade nur fünf Tage Krankenhaus auf dem Plan. Natürlich habe ich Zuhause Kraft gesammelt für die vierte Chemo, aber beim besten Willen, ich möchte nicht noch einen Feiertag im Krankenhaus verbringen, nicht auch noch Ostern. Daher habe ich einen kleinen Deal mit meinem Arzt beschlossen. Ich bin diese Woche hier, bekomme den Port und drei Mal Chemo und dann darf ich zum Wochenende, zu Ostern, nach Hause und kann mit meiner Familie feiern. Direkt nach Ostern muss ich natürlich wieder her, pünktlich zu den einsetzenden Nebenwirkungen, die immer so ca. eine Woche nach der Chemo anfangen und mir versuchen das Leben schwer zu machen, was bisher zum Glück noch nicht so sehr der Fall war. Jetzt sitze ich also hier im Krankenhaus, mit noch leichten Schmerzen über der Brust, die ich ordentlich mit ekelhaftem Paracetamol unterdrücke und möchte eigentlich über ein ganz anderes Thema schreiben als diesen blöden Port. Ein viel schöneres Thema, was nichts mit Schmerzen oder Operationen zu tun hat: Perücken!
Perücken sind etwas so schönes und bringen unendlich viel Spaß, mir zumindest. Was ich noch einmal vorher loswerden möchte: Natürlich habe ich immer noch kein Problem mit meiner Glatze, das habe ich wohl schon das ein oder andere Mal bewiesen, ich fühle mich immer noch sehr wohl, auch ohne eine Kopfbedeckung. Aber ich denke jeder von uns würde sich wohler fühlen, wenn man nicht permanent angestarrt wird, getuschelt wird, oder einem einfach kalt um den kahlen Schädel ist, weil ganz ehrlich, wenn man sein Leben lang Haare hatte wird es ohne plötzlich ganz schön kalt um die Birne. Daher greife ich am aller liebsten, wenn ich unter Leute gehe versteht sich, zur Perücke oder zu Tüchern, die ich zu einem Turban wickle. Zuhause renne ich aber am liebsten einfach ohne Kopfbedeckung rum und wenn es schnell gehen muss macht es natürlich auch ab und an eine Mütze. 


Ich besitze zwei Perücken. Meine erste Perücke ist brünett und kommt vom Perückenmacher. Diese Perücke ist sehr natürlich und kaum jemand erkennt beim Tragen, dass es sich überhaupt um eine Perücke handelt. Dann habe ich noch eine just-for-fun Perücke, die ich mir einfach so, aus Spaß im Internet bestellt habe. Sie ist grau, weil ich eine Zeit lang unbedingt graue Haare haben wollte, es aber leider nie so funktioniert hat, wie ich es mir vorgestellt habe. Da dachte ich mir: Hey, warum nicht als Perücke, wenn sie scheiße ist, wen interessiert’s? Ich habe ja noch meine professionelle Perücke, die ich tragen kann.
Die brünette Perücke ist handgeknüpft und sitzt unglaublich gut auf dem Kopf. Ich spüre sie eigentlich nie beim Tragen. Kein Jucken, kein Zwicken, nichts. Preislich ist die Perücke natürlich auch wesentlich teurer, als mein grauer Selbstversuch. Die professionelle Perücke lag bei ca. 500 Euro. Und ihr denkt euch jetzt wahrscheinlich: Waaaaaaas? Aber ich kann ein bisschen für Beruhigung sorgen. Knapp 400 Euro vom Preis übernimmt die Krankenkasse, weshalb wir nur um die 100 Euro bezahlt haben. Ich bin ein Mathegenie, ich weiß. Jedem Krebspatienten, der durch die Chemo seine Haare verliert steht eine Perücke zu und je nach Krankenkasse wird ein bestimmter Wert übernommen. Eine gute Sache wie ich finde. Natürlich hätte ich auch eine Perücke nehmen können, die im Kassensatz liegt, aber wenn man schon krank ist, will man dann nicht auch Haare, mit denen man sich zu 100% wohl fühlt? Die Perücke habe ich von einem Perückenmacher hier aus Bremen. Eine sehr freundliche Frau ist dann extra zu mir ins Krankenhaus gekommen, um gemeinsam zu schauen, welche Modelle ich gut finde und was zu mir passt. Zu dem Zeitpunkt durfte ich das Krankenhaus ja noch nicht verlassen, so wurde mir die Perücke quasi ans Bett geliefert. Ich bin sehr zufrieden mit der Perücke. Sie ist sehr natürlich und wirkt gerade durch die Strähnen und den etwas stufigen Schnitt wie mein eigenes Haar und absolut nicht wie Kunsthaar. Ja, richtig gehört, auch die 500 Euro Perücke ist Kunsthaar. Allerdings ist die Perücke so gut verarbeitet, dass das absolut nicht auffällt. Das einzig problematische an der Sache ist, dass sie sehr empfindlich gegenüber Reibung ist, so ist Mütze tragen oder mal eben einen Zopf machen nicht drin. Dafür kann man sie waschen und pflegen und sie sieht wieder aus wie neu. 


Zu meinem kleinen Selbstversuch, der grauen Perücke: Für die habe ich richtig Geld gelassen, nämlich ganze 35 Euro. Wahnsinn, oder? Treibe ich mich glatt in den Ruin. Ich dachte mir einfach: Warum nicht ausprobieren? Und surprise, surprise so scheiße ist die gar nicht. Wie man auf den Bildern vom Deich sieht (auf denen ich sie trage), war die Perücke sehr lang und darum auch sehr schwer auf meinem Kopf. Ohne Mütze hat man sofort gesehen, dass es sich um eine Perücke handelt, auch wenn der Ansatz und der Scheitel eigentlich für solch eine „Billig-Perücke“ ziemlich gut verarbeitet sind. Die liebe Bianca hat mir dann den Gefallen getan und die Perücke etwas ausgedünnt und hat dem Ganzen eine Frisur verpasst. Und voila, wie eine ganz neue Perücke! Vielen Dank an dieser Stelle noch einmal. Es ist so toll geworden! Sie ist jetzt überhaupt nicht mehr so schwer und sieht viel eher aus, wie richtiges Haar. Natürlich lange nicht so realitätsnah, wie die Perücke vom Perückenmacher, aber man kann sie jetzt wirklich gut tragen. Auch ohne Mütze. 
Wie schön ist es bitte sich jeden Tag verändern zu können? Mal rot, mal braun, mal blond. Je nach Gefühlslage. Einen Tag lockig und lang und einen Tag ganz kurz. Warum denn nicht und wann, wenn nicht jetzt? Man muss einfach das positive an der ganzen Situation sehen. Mich juckt es nicht unter einer Perücke (übrigens auch nicht bei der grauen), ich muss keine Haare krampfhaft unter der Perücke mit einem ätzenden Haarnetz verstecken, ich kann sie einfach aufsetzen und los. 
Als kleinen Tipp für die etwas billigeren Perücken: Der Ansatz ist tatsächlich für Leute gemacht, die Haare haben. Dann zieht man von sich noch ein paar „Baby-Haare“ am Ansatz raus und es sieht gleich viel natürlicher aus. Natürlich kann ich das nicht machen, ich muss irgendwie anders tricksen, und das mache ich natürlich auch. Der Ansatz der grauen Perücke ist schwarz und steht daher natürlich sehr im Kontrast zu einer Hautfarbe. Der Unterschied ist daher ziemlich hart. Da kann man ganz einfach mit einem Concealer nachhelfen. Einfach Ansatz und Scheitel ein bisschen aufhellen, sodass es wie Kopfhaut wirkt und gleich ist das Ergebnis viel natürlicher und wirkt realer. 
Ich habe so unendlich viel Spaß daran mich an neuen Frisuren und Schnitten auszuprobieren und mich ständig verändern zu können. 
Die graue, „billige“ Perücke wird ganz sicher nicht meine letzte bleiben, das kann ich versprechen. Da werden noch einige Farben und Schnitte folgen, je nachdem worauf ich gerade Lust habe.