Auf die letzten Meter.

Jetzt hat es mich auch erwischt, aber so richtig. Ob mein Körper wohl einmal alles mitnimmt? In Sachen Gesundheit bin ich scheinbar wirklich nicht so der Glückspilz. 

Ein leichtes Kratzen im Hals, ab und zu ein kurzes Husten – ich muss mir in Berlin eine Erkältung eingefangen haben. Oder nach dem Schwimmen, da bin ich auch mit nassen Haaren auf dem Fahrrad durch die Gegend gefahren, da habe ich mich bestimmt erkältet. Der Kopf fängt an schwerer und schwerer zu werden, ganz klar eine einfache Erkältung, nichts was nicht mit ein bisschen Schlaf erledigt wäre. Schlagartig Fieber, hohes Fieber, 39 Grad und noch höher. Als hätte mir jemand gegen den Kopf geschlagen, von einem auf den anderen Moment zu nichts mehr zu gebrauchen. Corona kann es nicht sein, die Tests sind alle negativ und ich bin ja auch doppelt geimpft – es ist zwar schon eine ganze Weile her, aber ich bin ja geimpft. 

Der Schlaf kann natürlich nicht abhelfen. Das Fieber bleibt und der Husten wird innerhalb weniger Stunden von einem leichten, lockeren zu einem festen, schmerzhaften Husten, der sich noch als sehr hartnäckig herausstellen soll.

Langsam mache ich mir Sorgen – Was ist, wenn es doch Corona ist? Ich bin vorerkrankt und da ist der Verlauf der Krankheit häufig ja nicht so milde. Was ist, wenn der Husten nur ein Anfang ist und ich irgendwann keine Luft mehr bekomme? Nein, nein, nein! Bisher sind alle Test negativ, kein Grund zur Panik, doch ein mulmiges Gefühl bleibt. Nach einer weiteren, durch den Husten halb schlaflosen Nacht die Gewissheit: Die Tests sind positiv und mich hat es erwischt, ich habe Corona. Keine Erkältung, kein grippaler Infekt, Corona. 

Toll, zwei Wochen Zuhause hocken. Zwei Wochen lang den Virus auskurieren. Zwei Wochen aus dem Fenster schauen und sich wünschen endlich wieder rauszudürfen. Tatsächlich habe ich die meiste Zeit mit meinen Symptomen zu kämpfen gehabt, weshalb ich von den zwei Wochen bestimmt eine komplett geschlafen habe. Der Husten war so ekelig und unerträglich, dass ich alles versucht habe, um ihn wegzubekommen –  Vick MediNight, literweise Hustensaft und sogar inhalieren. Ich habe vergessen wie schlimm ich inhalieren finde – Bah! Ob das alles etwas geholfen hat weiß ich nicht, vermutlich war das einfache Abwarten und Tee trinken das einzige Mittel, was nach knapp 1,5 Wochen seine Wirkung gezeigt hat. 

Eine Woche hat es gedauert bis ich mich nicht mehr wie ein Geist durch die Wohnung geschleppt habe. Eine Woche in der ich es nicht geschafft habe die Wäsche zu machen, die Geschirrspülmaschine auszuräumen oder durch zu saugen, ohne nach 5 Minuten komplett kaputt ins Bett zu fallen. Die zwei Wochen Quarantäne hat mein Körper wahrscheinlich auch einfach gebraucht um wieder fit zu werden. Sogar ein Pulsoximeter habe ich mir zugelegt, um sicher zu gehen, dass alles in Ordnung ist. Ein bisschen Panik hatte ich schon – Vorerkrankung und Corona? Kann auch in die Hose gehen. 

Aber wieso habe ich mich überhaupt angesteckt, ich bin doch geimpft? Natürlich ist es möglich sich trotz Impfung mit Corona anzustecken. Die Impfung bewahrt uns davor einen schlimmen Verlauf zu erleiden, oder schlimmsten Falls ins Krankenhaus zu müssen. Warum es mich dennoch recht „doll“ getroffen hat kann ich nur vermuten. Im Dezember wären bei mir 6 Monate um gewesen. 6 Monate ist die zweite Impfung dann bereits her, welche ich bekommen habe, als ich noch Immunsystem-schwächende Medikamente bekommen habe. Bereits bei der ersten Impfung wurde ich darauf hingewiesen, dass bei mir die Impfung nicht seine volle Wirkung ausbreiten könne, da diese Medikamente es etwas einschränken. Dieser Umstand gepaart mit dem Zeitpunkt und ein wenig Pech haben mir diese Infektion mit den nicht so angenehmen Symptomen eingebrockt denke ich zumindest. Jedoch bin ich froh den Schutz trotzdem zu haben, wer weiß, wie es mir ohne jetzt gehen würde? Man kann es nicht sagen, aber etwas anderes möchte ich bei meiner Vorerkrankung auch einfach nicht riskieren. Auch ohne meine Geschichte würde ich persönlich das nicht riskieren wollen. 

Ich weiß nicht wo ich mir den Virus eingefangen habe, aber ganz egal wo und wie, ich bin ganz froh, dass es trotz nicht so angenehmer Symptome glimpflich verlaufen ist und ich die letzten Tage jetzt absitze, um am Mittwoch wieder in die Freiheit zu dürfen. Niemandem wünsche ich, dass er so ausgeknockt wird und es kann auch noch schlimmer verlaufen. Lasst euch impfen – egal die wie viele Spritze jetzt an der Reihe ist – der Scheiß soll endlich ein Ende haben und nicht noch mehr Leben kosten.  

Erhaltungatheraphie DONE.


Es fühlt sich irgendwie surreal an. Es fühlt sich komisch an, denn es ist zu einem Teil meines Lebens geworden. Ein Teil, nachdem ich nie gefragt habe. Ein Teil, den ich nie wollte. Es ist absolut merkwürdig, dennoch könnte ich nicht glücklicher sein.
Seit November 2019 ist meine Intensiv-Therapie vorbei und die Erhaltungs-Therapie ist gestartet. Seit November 2019 nehme ich täglich Medikamente, die meine Leukozyten runterdrücken und somit mein Immunsystem schwächen. Seit November 2019 nehme ich noch wöchentlich Chemotabletten und das hat jetzt tatsächlich nach fast 2 Jahren ENDLICH ein Ende – mal abgesehen von dem Gift, welches 2018 – 2019 ständig durch meinen Körper gepumpt wurde.


Die Erhaltungstherapie ist vorbei, was für ein merkwürdiges aber auch unglaublich befreiendes Gefühl. Keine Tabletten mehr nehmen – geht das überhaupt? Bin ich schon soweit? Seid ihr euch wirklich sicher? Ist das nicht gefährlich? Aus den wöchentlichen Besuchen beim Hausarzt werden monatliche Besuche und neben der unendlichen Freude über das Geschaffte, über das Ende, über den Erfolg, schwebt immer ein klein wenig Sorge mit. Ich bin daran gewöhnt die Tabletten zu nehmen, weil sie für mich  einen weiteren Schritt in Richtung vollständiger Gesundheit bedeuten und damit soll ich jetzt aufhören? Ich kann mein Abendritual zum Nehmen der Tabletten einfach abstellen, es wird keine Magenprobleme, keine merkwürdigen Hautausschläge, keine Probleme mit der Leber und keine Schwächeanfälle, die mich häufig noch in die Knie zwangen, durch die Tabletten mehr geben. Ich kann es noch nicht wirklich fassen, aber es fühlt sich so, so, so gut an. 

Die Punktionen, noch zwei Mal im 3 Monatstakt und danach alle 6 Monate, finden weiterhin zur Kontrolle statt. Es ist nicht schön, aber es gibt mir Sicherheit. Ich stelle es mir vor wie ein Gefühl im freien Fall, jemanden nach all den Strapazen einfach gehen zu lassen, ohne weitere Kontrollen, ohne Acht, ohne Ansprechpartner. Es ist nicht zu beschreiben, ich hasse es im Krankenhaus und bin doch wahnsinnig glücklich, dass die Ärzte mit mir sprechen, alles kontrollieren und ich nicht „alleine“ bin. Es ist ein Gefühl von Sicherheit, dass Menschen die tagtäglich mit der Krankheit zutun haben ein Auge auch mich haben, auch wenn es nur in Abständen von drei oder sechs Monaten ist. 

Ich kann es noch nicht ganz fassen, dass die Therapie jetzt wirklich ein Ende haben soll. 

Im Dezember 2018 wurde bei mir Akute lymphatische Leukämie diagnostiziert. Chemotherapie und Bestrahlung haben an mir gezerrt, doch ich hatte mein Ziel immer im Blick und es gibt immer nach vorne. Die Therapie ist heute nach fast 2 Jahren beendet und ich könnte nicht stolzer auf mich sein. Die Krankheit wird mich immer ein Stück begleiten und auch wenn mich in naher Zukunft noch regelmäßige Kontrollen erwarten bin ich unendlich froh meine Gesundheit Stück für Stück zurückzuerlangen und ich bin auf einem verdammt guten Weg! 

Es riecht nach Freiheit.


Könnt ihr das riechen? Hoffnung liegt in der Luft. Hoffnung auf Unbeschwertheit, Hoffnung auf Freiheit, Hoffnung auf Normalität. Gefühlt jeder zweite hat bereits die Impfung bekommen oder hat ein Angebot in Aussicht – plötzlich geht alles ganz schnell. Es macht Mut. Mut zu sehen, dass nach all den zerrenden Maßnahmen ein Licht am Tunnel ist. Es macht Mut zu sehen, wie die Menschen in meinem Umfeld langsam wieder beginnen aufzuatmen. 

22.04.21

Wer hätte jemals gedacht, dass wir einmal Sehnsucht danach haben in ein Restaurant oder eine Bar gehen zu können? Dass wir liebend gerne Unmengen für Getränke bezahlen würden, oder die 30 Minuten Warten vor dem Club plötzlich absolut ertragbar werden – Hauptsache unter Leute. 

Wer hätte gedacht, dass es einmal illegal sein würde sich mit allen Familienmitgliedern gleichzeitig zu treffen. Wer hätte gedacht dass es einmal verboten sein wird nach 22 Uhr das Haus zu verlassen. Es ist ein Licht am Ende des Tunnels und auch wenn ich es schon lange nicht mehr hören kann und jedem buchstäblich ins Gesicht treten möchte, der noch einmal sagt: „Wir müssen jetzt durchhalten“, ist da etwas dran. Könnt ihr das riechen? Auch wenn es Stück für Stück geht – das Leben, wie wir es kennen, oder wenigstens etwas, was dem nahe kommt ist zum greifen nah und ich kann es kaum erwarten. 

02.2021

Gestern war es wieder soweit – 3 Monate sind schon wieder um und ich trete meinen Gang ins Krankenhaus zur elendigen Knochenmark-Punktion wieder einmal an. Halleluja, es ist zum Glück nur noch die Standart Punktion und nicht mehr die ätzende Lumbal-Punktion, bei der ich meinen Rücken zu meinem Katzenbuckel formen musste und die Spritze dann direkt .. ich erspare Details. Ich bin unendlich dankbar, dass ich die Knochenmark-Punktion sediert, also schlafend über mich ergehen lassen kann. Dann darf ich zwar vorher nicht essen, was mir wiiiiiiirklich schwer fällt, aber was solls – jammern auf hohem Niveau. Die letzten 3 Monate verliefen nicht immer so glimpflich wie die Anfangszeit mit meinen Medikamenten. Immer wieder traten Nebenwirkungen auf: Hautausschlag auf Rücken, Brust und im Gesicht, Übelkeit und immer mal wieder Fieber und Erschöpfung. Es ist doch merkwürdig – ein Jahr klappt alles wie geschmiert und plötzlich meint mein Köper sich zu wehren: „Sachmal, langsam reicht es aber auch, oder meinst du nicht, Fenja?“ – Leider nein, leider gar nicht. Lange dauert es jedoch nicht mehr, bis der Medikamentenwahnsinn endet. Noch 3 Monate – drei Monate, die wahrscheinlich wieder verfliegen werden.
Nach der nächsten Punktion bin ich befreit. Bereift von der abendlichen Routine, befreit von unangenehmen Nebenwirkungen. 

Es geht mir fantastisch, ich kann es gar nicht anders sagen, ich fühle mich normal, glücklich. Man sieht mir die Krankheit schon lange nicht mehr an und ich habe wieder Kraft. Es geht mir fantastisch, doch in diesen Momenten der – ich werde nicht sagen Schwäche, weil es keine Schwäche ist – eher Erschöpfung, wird mir doch schnell klar, dass ich auf mich Acht geben muss, immer noch und dass ich eben doch noch nicht ganz durch bin mit diesem Kapitel und das vermutlich auch noch viel Zeit in Anspruch nehmen wird. 

Das letzte Jahr hat mich immer wieder in Angst versetzt. Angst, dass meine Familie sich ansteckt. Angst, dass meine Freunde sich anstecken. Angst, dass ich mich anstecke – weiß der Geier wie das ausgehen würde. Ich bin dankbar, dass bis jetzt sowohl meine Freunde, als auch meine Familie wenig Kontakt mit dem Virus gehabt haben und wir uns nun auf der hoffentlich Zielgeraden befinden. Der Schutz durch diese Impfung nimmt mir dieses schwere Gefühl der Sorge und schenkt mir Sicherheit – Sicherheit, die ich in den alltäglichsten Situationen nicht mehr hatte. Ich war immer ein Mensch, der alle willkommen geheißen hat, doch das war nicht mehr möglich. Ich möchte wieder zu dem Menschen werden, der nicht denkt jede weitere Person ist eine zu viel – das finde ich wirklich furchtbar und freue mich schon darauf diese grausame Eigenschaft wieder abzulegen. 

Ich bin dankbar für diese Sicherheit, dankbar dass es mir gut geht, dankbar dass auch in der Erhaltungstherapie große Schritte Richtung Ende gemacht werden. Ich freue mich auf wärmere Tage in Gesellschaft vieler Gesichte, die ich das letzte Jahr nicht sehe konnte. Sommer? Bitte sei nett. 

28.05.2021

P.S. Gestern war nicht nur wiedermal ein Aufenthalt im Krankenhaus, sondern auch passend dazu der „world-bloodcancer-day“ – „Welt-Blutkrebs-Tag“. An dieser Stelle kann ich nur zum tausendsten Mal aufrufen: Solltet ihr im passenden Alter, gesund und noch nicht typisiert sein, dann lasst euch bei der DKMS registrieren. Einfach kann man nicht zum Helden werden. So viele Menschen erkranken an Blutkrebs und es gibt schon so tolle Möglichkeiten dieses Arschloch zu bekämpfen. Je mehr Menschen registriert sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit Leben zu retten. Also do it – Stäbchen rein, Spender sein. 

2020.


Wir schreiben den 31.12.2019. Die letzten Sekunden des Jahres werden runter gezählt. Fünf … vier … drei … zwei … eins …

Was habe ich von 2020 erwartet? Nicht viel, ich habe wirklich nicht viel erwartet. Alles was ich erwartet habe war Normalität. Ich wollte mein Leben zurück, mein altes Leben und meine Freiheit. Was habe ich von  2020 erwartet? Einen schönen Geburtstag, einen sonnigen Frühling, schöne Ostern und einen warmen, ausgelassenen Sommer. Mit meinen Freunden meine Freiheit feiern und lange Nächte genießen, einfach die Zeit vergessen und Spaß haben. Einen guten Start in meine Ausbildung natürlich, viele neue, interessante Menschen kennenlernen, aber auch alte Freunde wieder treffen. Vielleicht auch ein neues Auto, wer weiß das schon. Ein kuscheliger Herbst wäre schön und eine besinnliche Weihnachtszeit, in der man über Weihnachtsmärkte schlendert, sich gemeinsam kitschige Filme anschaut, sich zum Kekse backen trifft und vielleicht auch den einen oder anderen Glühwein gemeinsam vernichtet. Weihnachten zusammen mit der Familie genießen und nah beisammen sein. Feierlich würden wir das Jahr entlassen und hätten uns auf 2021 gefreut. Ein stinknormales Jahr, aber dennoch ein Neuanfang.
Was habe ich von 2020 erwartet? Nicht viel, aber wer hätte das schon ahnen können? 


Wir schreiben Dezember, Gegenwart, heute. Die Beleuchtung in den Fenstern und auf den Straßen, die Musik im Radio und mein großer Hunger auf alles was mit Zimt zutun hat, lassen darauf schließen welche Zeit wir momentan haben. Vereinzelt stehen ein paar Buden in der Innenstadt, um die Stimmung nicht ganz zu verlieren, ein bisschen Tradition zu bewahren und sich  natürlich selbst so gut es geht den Arsch zu retten. Schön wie ich finde, aber trotzdem eine komische Vorstellung: Wie es wohl normalerweise zurzeit dort ausgesehen hätte?
Es ist Dezember. Im Fernsehen laufen jedes Jahr Rückblicke, die zusammenfassen, was die letzten Zwölf Monate in der Welt los gewesen ist. Doch was zeigen, wenn nicht nur ich wegen meiner Krankheit isoliert bin und meine Kontakte einschränken muss, sondern das plötzlich die ganze Menschheit macht? Möchte man auf so ein Jahr zurückschauen? 

Nicht alle meine Erwartungen wurden enttäuscht. Es sind wahnsinnig schöne Dinge passiert. Ja, ich konnte meine Ausbildung antreten und ja, ich durfte schon spannende neue Leute kennenlernen. Ja, ich habe mir ein Auto gekauft und bin sogar in eine neue Wohnung gezogen. Ja, ich konnte mir dieses Jahr Wünsche erfüllen, doch alle schönen Momente stehen unter diesem riesigen Schatten. An all diese schönen Erfahrungen werde ich glücklich zurückdenken. Natürlich gab es auch tolle Momente in 2020, an die ich mich gerne zurückerinnern werden, doch ich möchte sie separat betrachten. Getrennt von all dem Mist in diesem Jahr, getrennt von dieser ätzenden Situation. Ich möchte an diese Momente zurückdenken und nicht jedes Mal m Kopf haben: „Was für ein toller Moment – wäre es nicht 2020.“ Wir haben das Beste aus einem Jahr gemacht, welches, wenn wir ehrlich sind, einfach für die Tonne ist. Wir haben das schönste aus einem Jahr herausgeholt, in dem ein wichtiger Teil zum Leben gefehlt hat: Nähe! Wir haben es fast geschafft, wir steuern auf die letzten Meter zu.

Was habe ich von 2020 erwartet? Nicht viel und alles was mir noch zu sagen bleibt ist: Ciao Kakao, Tschö mit Ö, Tschüsseldorf, Adios Amigo, Tschüssikowski, San Franschüssko, Tschüssing, Aus die Maus, Auf Wieder-Tschüss.

2021 – bitte sei nett! 

Wunsche sind da, um sie zu erfüllen.


Die Welt um mich herum dreht sich. Sie dreht sich schnell, so unglaublich schnell. Schneller als jemals zuvor. Während die Welt 2020 scheinbar stillsteht, passiert bei mir so viel. Träume werden erfüllt, neue Lebensabschnitte gestartet. Es passiert gar nichts und doch so viel. Die Welt steht scheinbar still, doch dreht sich um mich herum schneller als ich es jemals erwartet hätte. 

Es ist schon so lange her, dass ich mich das letzte Mal hingesetzt- und geschrieben habe.

Wann auch? Irgendwie fliegen die Tage nur so an mir vorbei. Montag, Freitag, Sonntag und schon wieder Montag. Jeder Tag dauert gefühlt 30 Minuten und ist dann auch schon wieder vorbei. Ich genieße es unendlich doll. Über ein Jahr habe ich nicht gearbeitet, weil es einfach nicht ging. Sowohl mein Körper, als auch physisch wäre ich dazu absolut nicht in der Lage gewesen. Wie sagt man so schön: Die Gesundheit geht vor  – und genau das war zu jeder Zeit mein Fokus. Nach einem Jahr ging es mir zwar schon ganz gut, jedoch übernehmen sollte ich mich auf gar keinen Fall. Was macht man dann? Ausschlafen? Nichts tun, während alle anderen produktiv sind? Am Besten noch den ganzen Tag fernsehen? Jeder, der schon einmal länger als 2 Wochen Urlaub hatte kennt das bestimmt: So für 2 Wochen ist es ganz cool ausschlafen zu können – man lebt in den Tag hinein. Es ist entspannt und man hat viel Zeit für sich – klingt doch super. Es ist super, bis dann die 2 Wochen vorbei sind und das entspannte Gefühl sich in Langeweile umwandelt, die sich dann in eine Art Angst entwickelt. Angst nicht mitzukommen. Ich bin 23 und kann mein Studium nicht weiter machen. Alle, aber wirklich alle um mich herum schließen ihre Ausbildungen ab oder schreiben ihre Bachelor-Arbeiten, alle um mich herum arbeiten und sichern sich ab für ihr Leben. Und ich? Ich bin durch einen Umstand an die Wohnung gekettet und darf nur minimal arbeiten, um mich selbst nicht zu überlasten. 

2020 sollte meine zweite Zeit in Isolation und gleichzeitig mein Neustart in ein normales Leben werden. Ein stinknormales Leben mit einem geregelten Job, festen Arbeitszeiten, einer tollen Wohnung und zwei wundervollen Kätzchen.  2020 ist auf so vielen Ebenen einfach ein ganz schlimmes Jahr, aber andererseits auch mein Neustart, meine Wiedergewinnung der Normalität und der Verlust dieser Angst nicht hinterher zu kommen. Ich bin 23 – 2 Jahre sind weg. Das ist jetzt so und das wird sich nicht mehr ändern, aber was soll’s! Wie viel liegt denn bitte noch vor mir? Wie viele Wünsche kann ich mir noch erfüllen und wie sehr kann ich es genießen zu tun, was ich möchte und nicht ständig an die Wohnung gefesselt zu sein. 

Am 01. August habe ich eine Ausbildung gestartet. Endlich! Die letzten Monate habe ich mich zwar mit Nebenjobs über Wasser gehalten, doch etwas handfestes habe ich einfach noch nicht in der Tasche. Es ist ein so schönes Gefühl wieder etwas für meine Entwicklung tun zu können – so wie gesunde Menschen – so, wie alle anderen auch. Ich lerne so viele tolle neue Menschen kennen und gewinne tausend neue Eindrücke. Das Leben geht weiter und nach einem endlosen halben Jahr, nach Beendigung der Intensivtherapie darf ich wieder produktiv sein, darf mein Leben weiterleben. 

Als wäre das alles nicht schon aufregend genug für mich, habe ich mir zusätzlich auch noch einen großen Traum erfüllt. Schon ganz lange wünsche ich mir zwei Kätzchen, die mich auf Trapp halten und durch die Wohnung scheuchen. Wenn ich etwas aus der Krankheit gelernt habe, dann dass man nichts aufschieben sollte. Es klingt zwar, wie ein kitschiger Wand-Tattoo-Spruch, doch es ist die Wahrheit – Wünsche sind da, um sie zu erfüllen. Nachdem ich lange gar keinen Kontakt zu Tieren haben durfte habe ich mir jetzt meinen Traum erfüllt und bin ganz verliebt in meine Schätze. 

Ob Corona mir das Jahr versaut hat? Niemals! Ich hätte niemals damit gerechnet, dass dieses Jahr so stattfindet. Ich dachte an Partys, Festivals, Sommerabende am Wasser mit einem Glas Aperol in der Hand und Live-Musik im Hintergrund. Es hätte so schön sein können. Doch ist es jetzt nicht auch schön?

Ich bin nicht in der Situation mich irgendwie beschweren zu wollen. Mein Jahr 2020 ist großartig, nur auf eine ganz andere Weise, eine Weise, die ich mir hätte niemals erträumen lassen. Keine Festivals, keine Partys, keine Menschenmengen und trotzdem, die Menschen, die ich liebe um mich Herum, und die Schritte die ich gehen wollte und will gehe ich und das in einem so hohen Tempo, trotz Corona, trotz eines „versauten“ Jahres.
Es ist ein leidiges und nerviges Thema, das keiner mehr hören kann und ich bin mir sicher, dass jeder mindestens 300 Kreuze macht, wenn alles vorbei ist.  Doch bis dahin sind wir kreativ und machen 2020 zu dem, was es ist: Einem Ereignisreichen Jahr, was uns im Nachhinein vielleicht nicht nur negativ in Erinnerung bleibt. 

Zuhause.


Die Zeit vergeht so schnell und es überschlagen sich die Ereignisse. Jetzt sitze ich hier zwischen all den Kartons, die sich in der kleinen Wohnung gefühlt bis unter die Decke stapeln. Ein normales „durch die Wohnung laufen“ ist nicht möglich. Es herrscht Chaos. Und trotzdem denke ich an alle Momente zurück. 

Nach dem Feiern sind wir hergekommen um hier zu pennen. Immer wieder haben wir mit unseren Leuten hier zusammen gesessen und gelacht. 

Ich weiß noch, als ich das erste Mal hergekommen bin und mir dachte: Verdammt ist das schön hier. Außen Pfui, innen Hui. Wir hatten so viel Spaß hier, bis ich dann krank wurde. 

Du hast mich hier aufgefangen und schnell wurde es zu meinem Zuhause. Quasi zwangsläufig und ungeplant sind wir dann zusammengezogen. Du hast mir hier ein Zuhause geschenkt, einen Ort auf den ich mich freuen konnte, wenn ich aus dem Krankenhaus kam. Doch vor allem Du hast ihn zu meinem Zuhause gemacht. 

Niemand hätte je gedacht, dass wir sowas durchmachen müssen, doch jetzt hat sich das Blatt gewendet. Alles verändert sich und wir können einen großen Teil der Geschichte hinter uns lassen. Es öffnet sich ein neues Kapitel, auf das ich mich unendlich freue. Neuer Job, neue Wohnung, neues Leben. Ich freue mich auf die neue Wohnung, für die wir uns selbst entschieden haben, wir selber und kein zwangsläufiger Umstand. Ich freue mich auf all die neuen Momente, die auf uns zukommen. 

Mit einem weinenden und einem lachenden Auge verlasse ich unser kleines Zuhause um weiterzuziehen. Mir bleibt nichts Anderes, als Danke zu sagen. Danke, für den Zufluchtsort, den du mir gegeben hast, als ich ihn gebraucht habe. 

Auf eine strahlende Zukunft in einem neuen Zuhause, welches wir mit guten Erinnerungen füllen werden. 

Kreativität & Vorsicht.


Einige Wochen sind vergangen und was soll ich sagen? Es gab bisher auch einfach nichts zu erzählen. Meine Aktivitäten in der letzten Zeit lassen sich auf spazieren, kochen, backen, putzen und Sonne tanken reduzieren. Natürlich hocke ich nicht nur auf der Couch, sondern gehe auch vor die Tür, um mich zu bewegen. Es geht so schnell, dass der Körper Muskeln abbaut und das kann ich wirklich nicht noch einmal gebrauchen. Aus dem Grund soll ich sogar vor die Tür gehen, natürlich am besten ganz alleine und mit reichlich Abstand zu anderen Menschen. 

Einmal die Woche steht auch der Besuch beim Wochenmarkt an. Ich habe mir da einen kleinen Trick überlegt, der vermutlich nicht für jeden etwas wäre. Langschläfer kommen hierbei eher nicht auf ihre Kosten. Mein Tipp: So früh hingehen, wie es nur geht. Für mich heißt es so ca. 7:30Uhr, da bin ich dann fast komplett alleine und kann alles was ich brauche in Ruhe besorgen. Gehe ich dann gegen 10Uhr raus ist der Markt tatsächlich ziemlich voll und das wäre mir einfach zu riskant. 
Da meine Reha auf der Kippe steht, beziehungsweise es sehr unwahrscheinlich ist, dass sie stattfindet, bin ich auf den „Sport-Zug“ mit aufgesprungen und gehe mehrmals die Woche Joggen. Ich muss zugeben: Gerne mache ich das nicht, aber nichts tun ist für mich keine Option. Ich fühle mich heute so fit, wie lange nicht mehr und das ist so ein fantastisches Gefühl. Quasi Reha von Zuhause. 


Häufig vergesse ich tatsächlich einfach was da draußen momentan eigentlich so los ist und werde unvorsichtig. Das Wetter lädt natürlich dazu ein nachlässiger zu werden und die Corona-Vorsichtsmaßnahmen zu „vergessen“. Ich kann das absolut nachvollziehen, es ist ja auch einfach nur menschlich bei der wundervollen Sonne nicht in der Bude hocken zu wollen, geht mir ja genauso. Jedoch hat es nichts damit zu tun sich trotz der Regelungen in Gruppen mit 5-6 Personen, häufig auch mehr, zu treffen und auf alles zu scheißen. Die Vorkehrungen werden zwar momentan gelockert, jedoch heißt es noch lange nicht, dass jetzt alles vorbei ist. Es ist ein absoluter Irrglaube zu denken, dass der Virus weg ist. Wenn wir danach gehen würden, wäre die Pandemie bald schneller und stärker zurück, als vorher. Ich weine um den Festival-Sommer. Ich weine um all die schönen Veranstaltungen, die diesen Sommer nicht stattfinden können. Ich weine um Deichbrand, ich weine um den Musiksommer im Fischereihafen und ich weine um die Sail. Endlich wieder loslegen zu können, endlich wieder Spaß haben, endlich wieder auch solche Veranstaltungen genießen zu können, wie alle anderen. Das war der Plan für dieses Jahr. 2020 wird mein Jahr habe ich gesagt und dann kam Corona. Doch was bringt das Meckern? Nichts, richtig! Ich bin traurig, ich bin wahnsinnig traurig, doch weiß ich auch, dass es mir dieses Jahr gut gehen wird und das macht es schon zu meinem Jahr. Auch ohne Veranstaltungen werde ich diesen Sommer in vollen Zügen genießen und jeden Moment versuchen so schön wie möglich zu machen, ohne mein Umfeld, meine Familie oder mich selbst zu gefährden.

Ich vermisse meine Familie und ich vermisse meine Freunde, doch bin ich nicht alleine und dafür bin ich unendlich dankbar. Wann kann man sich wieder ohne Bedenken besuchen? Wann muss man nicht mehr sein Leben nach diesem Virus ausrichten? Ich bin gespannt und kann es kaum erwarten. Doch trotz meiner Ungeduld heißt es jetzt weiter durchhalten und die Füße stillhalten. 
Der Sommer kommt trotzdem und er wird trotz dieses ganzen Spukes ein toller Sommer, den wir so schnell nicht vergessen werden, da bin ich mir sicher! Kopf in den Sand stecken hat noch nie jemandem etwas gebracht. Kreativität und trotz allem Vorsicht sind jetzt angesagt, um den Sommer 2020 zu einem Schönen zu machen.

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Ganz frisch 2 Artikel zu meiner Geschichte in Verbindung mit Corona:
https://www.bild.de/regional/bremen/bremen-aktuell/fenja-23-sie-hat-leukaemie-besiegt-jetzt-hat-sie-angst-vor-corona-70141878.bild.html

https://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadt_artikel,-bloggerin-aus-bremerhaven-kennt-soziale-distanz-durch-ihre-krebserkrankung-_arid,1909113.html

https://www.norderlesen.de/Leute/Moin-Fenja-Harms-Kaffee-Talk-40687.html

Corona hier – Corona da – Corona überall.


Da man dem Thema momentan wirklich nicht aus dem Weg gehen kann und es einem wirklichen zu den Ohren heraus hängt, gebe ich auch ein kurzes Statement zu meiner Situation ab. Wirklich kurz, versprochen!
Ich habe Angst. Die Unsicherheit was auf uns zu kommt und die Inkonsequenz der Menschen macht mich ratlos. Wie kann man so egoistisch sein und die Lage so herunterspielen? Was sich auf Facebook, Instagram oder auch in meinem Umfeld in den letzten Tagen abgespielt hat macht ich wirklich fassungslos. Ja, ich gehöre zur Risikogruppe und ja, ich gebe zu, ich habe Angst. Angst vor einem Virus, der wieder Krankenhaus bedeuten würde. Im schlimmsten Fall Beantmung. Wieder Leid. Leid, das ich gerade überwunden habe. Leid, das ich nicht mehr spüren möchte und niemandem wünsche. Jeder Aufenthalt im Krankenhaus ist für mich das Grauen. Das muss ich momentan nicht haben.


Das Letzte was ich möchte ist Panik verbreiten, das sollte niemand, doch der Egoismus der Menschen kotzt mich an. Sowohl die Seite an Personen: „Ich lasse mir nicht verbieten raus zu gehen – und gehe trotzdem in überfüllte Bars und trinke aus schmutzigen Gläsern“ – als auch „ich kaufe 100 Rollen Klopapier und 100 Packungen Nudeln – Hauptsache ICH überlebe das“.
Wie schwer kann es sein für eine kurze Zeit Rücksicht auf seine Mitmenschen zu nehmen und nur für das Nötigste sich unter Menschen zu begeben? Man überlebt es. Ich verspreche es! Während der Chemo war ich quasi dauerhaft über ca. ein halbes Jahr in diesem Zustand und habe öffentliche Verkehrsmittel und Veranstaltungen gemieden. Ich habe mir viel die Hände gewaschen und desinfiziert. Feiern war schon gar nicht drin. Habe ich es geschafft? Natürlich! Und das schafft jeder andere auch.
Jeder von uns hat Menschen in seinem Umfeld, die zur Risikogruppe gehören und so auf unsere Besonnenheit angewiesen sind. Jeder von uns sollte jetzt nicht nur an sich denken, sondern seinen Teil leisten, dass der Virus sich nicht weiterhin so verbreiten kann. Es muss Stück für Stück zurück gehen, damit wir unser normales Leben wieder zurück gewinnen können.
„Ich gehe jetzt ein letztes Mal feiern solange es noch geht.“ – Je eher alle mal den Arsch Zuhause behalten, desto schneller könnt ihr auch wieder feiern gehen, essen gehen, shoppen gehen und und und ohne Menschen dadurch zu schaden.

Ich bleibe Zuhause! Nicht nur, weil ich zur Risikogruppe gehöre, sondern weil ich Menschen in meinem direkten Umfeld habe, die noch viel mehr gefährdet sind und genau die möchte ich auf keinen Fall in Gefahr bringen.

Habt euch lieb – verbringt Zeit miteinander in kleinen Gruppen und genießt die Zeit Zuhause. Ein bisschen Nichts tun hat noch niemandem geschadet. Erholt euch vom Alltagsstress und denkt an eure Mitmenschen. Zusammenhalt ist angesagt!

Sportskanone.


Die Monate vergehen so schnell. Die vermutlich schlimmste Zeit meines Lebens rückt immer weiter in die Vergangenheit. „Es ist so schön, dass du es geschafft hast“, höre ich so oft. Klar ist der schlimmste Teil vorbei, doch geschafft ist es für mich erst, wenn nach 5 Jahren die Ärzte sagen: „Sie sind gesund.“ 
Ich werde immer fitter, sowohl mental als auch körperlich. Mein Chemohirn und die damit verbundene Vergesslichkeit kommt kaum noch vor. „Mein Hirn ist ein Sieb“, gehört immer mehr zur Vergangenheit. 

Eine große Sportlerin war ich nie, doch brauche ich den Sport jetzt so sehr, wie noch nie zuvor. Während der Chemotherapie sind die Kilos so gepurzelt und ich habe 10kg abgenommen. Gefühlt 10kg an Muskeln. Ich war und bin zwar schlank, aber meine Haut war überhaupt nicht straff, sondern eher schwabbelig. Dinge, wie Treppen steigen oder gar rennen wurden zu einer großen Hürde. Einfach mal kurz ein paar Meter rennen ging gar nicht mehr, meine Beine wären so weggeknickt. 

Mannschaftssport ist überhaupt nicht meins und die Überwindung zum Joggen fällt mir doch noch sehr schwer. Meine neu entdeckte Leidenschaft ist das Schwimmen. Mindestens einmal die Woche versuche ich für eine Stunde Bahnen schwimmen zu gehen. Dabei kann ich abschalten, mich fokussieren und bin ganz bei mir. Vielleicht ist es auch, weil es mir während der Intensivtherapie strengstens verboten wurde, denn wie sagt man so schön: „Der Mensch will immer das, was man nicht haben kann.“ 
Es ist so wohltuend. Erst richtig Bahnen schwimmen und dann noch im warmen Becken einfach abschalten und entspannen. Für mich ein kleines Wochenhighlight.

Beim Schwimmen ist es vor allem gut, dass ich erst hinterher merke, was ich getan habe und nicht wie zum Beispiel beim Joggen schon halb sterbe, währenddessen ich noch unterwegs bin. Es tut einfach gut. 


Sport war für mich immer eine Last und ich habe es nie gerne gemacht. Die große Sportlerin werde ich vermutlich auch nicht mehr, aber ich habe etwas gefunden, was mir hilft meinen Körper wieder zu stärken. Wenn man absolut keine Muskeln mehr hat kann man total schön sehen, wie es immer mehr wird und wie man immer fitter wird, so soll es weitergehen. Ich genieße jede Bewegung und entdecke endlich das Schöne am Sport. 

Zwei Mal die Woche gehe ich mittlerweile für ein paar Stunden arbeiten, auch das tut einfach gut. Produktiv sein und feste Termine zu haben, auf die ich mich einstellen kann ist wunderbar. Hätte man mir noch vor 2 Jahren gesagt, wie sehr ich mich über Sport und Arbeit freuen würde, hätte ich die Person auf jeden Fall ausgelacht. Über sowas kann man sich doch nicht freuen – Doch, kann man! 

Das Krankenhaus rückt immer mehr in den Hintergrund. Einmal die Woche muss ich mich noch zur Blutkontrolle und Medikamentengabe dort für ein, zwei, höchstens drei Stunden blicken lassen. Es ist ein auch feststehender Termin, der definitiv zu meiner Woche gehört, an den ich absolut gewöhnt bin und der nach kurzer Zeit abgearbeitet ist und mir nicht unnötig viel Zeit raubt. Ich muss mich, bis auf die Medikamente, die ich noch nehme und immer noch jeden Freitag bekomme, kaum noch mit lästigen Behandlungen auseinandersetzten. Selbst Punktionen müssen nur noch alle drei Monate gemacht werden. 

Es ist so schön selber zu merken, wie man Tag für Tag stärker wird und auch bei körperlich anspruchsvolleren Aktivitäten nicht immer direkt raus sein zu müssen. 

Im Sommer geht’s richtig los und bis dahin genieße ich meine Zeit so gut es geht mit meinen Freunden und meiner Familie. Ich genieße aber auch die Momente, wie beim Schwimmen, in denen ich mit dem Kopf einfach nur bei mir bin und meine Gedanken einfach schweifen lassen kann. Diese Zeit für mich genieße ich und die brauche ich auch. Meiner Meinung nach tut man viel zu wenig für sich selbst. Es ist doch so leicht sich einfach mal eine Stunde zu nehmen, um sich etwas Gutes zu tun. Mir hilft es, mir geht es gut – sowohl körperlich als auch mental und ich bin unendlich froh das von mir behaupten zu können. Es geht in großen Schritten Richtung Gesundheit! 

P.S. Am 04. Februar, dem Weltkrebstag 2020 lief auf Sat1-Regional (Bremen-Niedersachsen) ein Beitrag über meine Geschichte. Ich bin unendlich dankbar, dass ich durch den Beitrag meine positive Einstellung weiter verbreiten – und hoffentlich dem Einen oder Anderen Mut machen konnte. Der Beitrag hat mich und meine Persönlichkeit unglaublich gut wiedergegeben und ich bin froh so offen reden zu dürfen. 
Wer den Beitrag noch nicht gesehen hat, kann ihn super gerne in der Mediathek von Sat1-Regional nachschauen: 

https://www.sat1regional.de/20-weltkrebstag-junge-bremerhavenerin-berichtet-vom-kampf-gegen-leukaemie/

Die Feste feiern, wie sie fallen.


Man soll die Feste feiern, wie sie fallen. Was bleibt einem schon groß anderes übrig, wenn man eingesperrt ist? Nicht feiern? Keine Option. Heute, ein Jahr später bin ich froh, dass wir trotz Krankheit, trotz Isolation das Beste aus den wichtigen Tagen im Jahr gemacht haben.
Weihnachten, Silvester und Geburtstag im Krankenhaus. Was für eine Scheiße. Es ist furchtbar, da brauche ich nicht groß drum rumreden. Das Krankenhaus ist nicht der Ort, an dem sich jemand aufhalten sollte über Weihnachten & co., jedoch kann man es sich manchmal einfach nicht aussuchen. Meine Feiertage im letzten Jahr könnten im Vergleich zu 2018 nicht verschiedener gewesen sein. Genau das ist auch gut so. 

Wie das Schicksal es wollte bekam ich meine Diagnose kurz vor Weihnachten. Schöne Bescherung, aber man nimmt es an und funktioniert. Die kompletten Feiertage, wie Heiligabend, 1. Weihnachtstag, 2. Weihnachtstag & Silvester musste ich also zwangsläufig im Krankenhaus verbringen. Soll ich was sagen? Ich denke nicht, dass jemand auf dieser Station die Feiertage, trotz Gefangenschaft, jemals so schön verbracht hat, wie ich. Meine Eltern, die Freundin meines Papas und mein Freund kamen an Heiligabend zu mir ins Krankenhaus. Wir bauten ein tolles Buffet auf, aus verschiedenen Dingen, die ich essen durfte. Zu der Zeit war meine Ernährung noch sehr streng eingeschränkt und ich musste zu 100% antibakteriell essen. Es gab Pizzaschnecken, Chickenwings, Käsewürfel, kleine Würstchen, Baguette, Nudelsalat und noch weitere Kleinigkeiten. Sogar Kinderpunsch steuerte meine damalige Bettnachbarin bei. Niemand von uns hätte sich auch nur im Geringsten vorstellen können einmal so Weihnachten zu feiern und trotz aller Sorgen und Schwierigkeiten, die wir zu der Zeit hatten, gab sich jeder in meinem Umfeld so unglaublich viel Mühe, um mir schöne Tage zu ermöglichen. Es war ungewohnt. Ganz anders als sonst, aber es war irgendwie auch sehr schön. Wir waren beisammen, haben zwar unkonventionell, aber lecker gegessen und hatten eine schöne Zeit. Das war für mich die Hauptsache. Das war Weihnachten. An solchen Tagen erkennt man meiner Meinung nach erst wirklich den Sinn von Weihnachten und was die Feiertage eigentlich wirklich ausmacht. Es sind nicht die Geschenke, von denen ich nebenbei bemerkt eine Menge das Jahr bekommen habe, mich aber an nur wenige tatsächlich erinnere, weil sie in meinem Kopf einfach nicht im Vordergrund standen. Es ist nicht die dicke Weihnachtsgans, oder das Schickmachen. Es ist das Beisammensein, was für mich zählt und vor allem in 2018 einen sehr hohen Stellenwert für mich hatte.

Am 1. Feiertag wurde mein Krankenzimmer dann rappelvoll, da meine Familie mich besuchte. Ein komisches Gefühl, da wir normalerweise über Weihnachten immer im Urlaub waren, um die Tage wirklich beieinander zu sein. Auch für dieses Jahr war ein kleiner Urlaub geplant, der dann kurzer Hand gekänzelt wurde. Die Familie um sich zu haben ist einfach wundervoll und so wurde auch der erste Weihnachtstag im Krankenhaus für mich Ereignisreich. Abends bekam ich sogar von meinem Freund ein zweites, kleines Weihnachtsessen: Er holte bei einem Lieferdienst schön fetten Nudelauflauf für mich.  

Ich bin ganz ehrlich, so schön das alles auch klingen mag, natürlich konnte meine Familie und mein Freund trotz aller Mühen nicht 24/7 an meiner Seite sein. Mein Freund hat natürlich auch eine Familie, die ihn an Weihnachten sehen möchte. Meine Mama verbringt selbstverständlich auch Zeit mit meiner Familie, die auch nicht mit alle Mann den ganzen Tag auf meinem Zimmer hocken konnte und durchaus war ich auch krank und immer wieder erschöpft. Es gab Momente, wenn ich dann alleine im Krankenhaus lag und Weihnachtsfilme geguckt habe, die ich sonst gemeinsam mit meiner Familie auf der Couch schaute, an denen ich wirklich traurig war und mich zu ihnen gewünscht habe. Ich habe mir immer wieder gesagt: Nächstes Jahr möchte ich mit allen zusammen sein, mit meiner Familie, mit meinem Freund und auch mit seiner Familie. Nächstes Jahr möchte ich in meiner Heimat feiern, was wir schon jahrelang nicht mehr gemacht haben. Nächstes Jahr möchte ich zu Hause feiern, ohne einen Gedanken ans Krankenhaus zu verschwenden. Und genau so ist es 2019 gekommen. 

Letztes Jahr habe ich quasi für zwei Weihnachtsfeste gefeiert. Es war mein Weihnachten, so wie ich es mir gewünscht habe und es war wundervoll. 

Vielen Menschen ist Weihnachten egal, es stresst sie und wird eher als Qual betrachtet. Für mich habe ich gemerkt, ist es was ganz anderes. Ich genieße jeden Film, den ich gemeinsam mit meiner Familie schauen kann, genieße jedes leckere Essen, was wir uns gönnten (und bei Gott, dieses Jahr gab es wirklich viel) und genieße auch die Kirche am Heiligen Abend, die bei uns einfach Tradition ist. 
Ich habe das Gefühl 2019 habe ich nicht nur für zwei Weihnachtsfeste gefeiert, ich habe auch für zwei Weihnachtsfeste gegessen. Es gab so unfassbar viel und es war alles so unfassbar lecker über die ganzen Tage verteilt. Von Omas leckerem Lamm, über Raclette, Hering, sogar in meinem Lieblingsrestaurant waren wir, in dem es Steak gab, bis hin zur traditionellen Weihnachtsgans, wie ich sie schon erwähnt hatte, war alles dabei. Wenn ich es mir so durch den Kopf gehen lasse, müsste ich eigentlich nach all den Leckereien durch die Gegend rollen. Glück gehabt, alles noch im grünen Bereich. 
Ich habe Weihnachten in vollen Zügen genossen und habe mir alles gegönnt, was mir im Jahr zuvor verwehrt gewesen ist. An Heiligabend habe ich mich schick gemacht und am 1. Weihnachtstag bin ich sogar mit meinen Cousinen und meinen besten Freunden feiern gegangen. Es ist so eine schöne Entwicklung für mich selbst zu sehen, was ich geschafft habe. 2018 lag ich Weihnachten isoliert im Krankenbett und 2019 habe ich schon wieder die Tanzfläche gestürmt. Klar noch nicht mit 100%, aber ich habe es so sehr genossen. Weihnachten Zuhause war für mich einfach wunderschön und ich bin dankbar, dass ich in meiner Heimat mit all meinen Liebsten zusammen sein durfte.  Ich bin dankbar, dass ich mir letztes Jahr eben die dicke Weihnachtsgans gönnen durfte, aber trotzdem nicht aus den Augen verloren habe was am aller Wichtigsten ist: Die gemeinsame Zeit. 

Auf Weihnachten folgt Silvester und auch dieser Tag musste 2018 auf Station verbracht werden.  Und auch diesen Tag haben wir uns so gut es geht schön gemacht. Wir waren wieder die gleiche Truppe, wie an Heiligabend: Meine Mama, mein Papa, seine Lebensgefährtin, mein Freund & ich. Wir machten uns Kleinigkeiten zum snacken, spielten Spiele und hatten auch im Krankenhaus Spaß. Problem an Silvester: Das neue Jahr startet erst um 0 Uhr und um 22 Uhr war ich schon so erschöpft, dass nur noch mein Freund bei mir blieb und ich mit ihm bis um 0 Uhr wartete. Ich war isoliert, also musste entweder er Mundschutz tragen oder ich. Nichts Neujahrskuss, nichts Romantik. Er war bei mir und das war mir wichtig. Wir wussten beide 2019 wird besser und dann gibt’s auch den Neujahrskuss. 

2019 gab das Schicksal nochmal alles und mein Opa musste uns leider viel zu früh verlassen und was gibt es Wichtigeres als die Familie? Nichts, richtig! Meine Cousinen und ich entschieden uns das Jahr 2019 gemeinsam mit unserer Oma zu verabschieden und fuhren zu ihr, um mit ihr Fondue zu machen, was sie sonst immer mit unserem Opa gemacht hat. Wir schauten „Dinner-for-one“, aßen mal wieder super lecker und hatten einen schönen Abend. Es war wirklich toll, so konnte ich Silvester sowohl mit einem Teil meiner Familie verbringen, als auch mit meinem Freund und Freunden, zu denen ich dann gegen späteren Abend fuhr, um mir meinen Neujahrskuss abzuholen. Ich habe 2019 für mich sowas von abgehakt. Es war ein grauenvolles Jahr, voller Krankenhaus, Erschöpfung und anderes schrecklichen Dingen. So blöd es klingt und so oft man es vielleicht auch einfach daher sagt, aber: Es kann nur besser werden. 2020 werde bitte besser. Bitte, bitte, bitte. Wir habend jetzt erstmal genug ertragen. 

Kommen wir zum letzten wichtigen Fest (versprochen): Meinem Geburtstag. Da ich ein Januarkind bin, hatte ich natürlich auch das große Los gezogen nicht nur Weihnachten und Silvester, sondern auch noch meinen Geburtstag in Gefangenschaft zu verbringen, Juhu! Eins kann ich sagen, ich glaube ich hatte noch nie so viel Besuch. Ich war schon richtig überfordert von der Menge an Leuten, die mich an dem Tag besuchten. Es fing mit meiner besten Freundin und einer anderen guten Freundin morgens an und ging mit meiner Mama weiter, es kamen Freunde und Familie den ganzen Tag lang und abends dann mein Freund. Die obligatorische „Benjamin-Blümchen-Torte“ war dabei und ich hatte viel Spaß, doch stellt man sich für seinen Geburtstag einfach etwas anderes vor, als in diesem riesen Kasten gefangen zu sein. 

Morgen ist ein Jahr um, morgen ist wieder mein Geburtstag und ich könnte nicht glücklicher sein ihn nicht im Krankenhaus verbringen zu müssen. Heute sitze ich meinen wöchentlichen Krankenhausbesuch ab und dann geht’s wieder ab in die Freiheit. Ein Jahr ist dann wieder um und ich freue mich schon auf alles was jetzt kommt. Mit 23 fängt das Leben doch erst richtig an, oder nicht? 

Morgen und die ganze restliche Woche wird schön. Ich bin selbstständig, verbringe die Zeit mit meinen Liebsten und bin nicht mehr so unfassbar erschöpft, wie im Jahr zuvor. 23 ist doch ein fantastisches Alter, um so richtig durchzustarten. So schön man es sich macht, und so viel Mühe man sich gibt, ein Krankenhaus bleibt einfach immer ein Krankenhaus und Zuhause bleibt einfach Zuhause. Es war eine sehr komische Erfahrung die Tage auf Station zu verbringen und auch wenn wir viel Spaß hatten, wünsche ich das niemandem. Auch ich selber möchte keinen dieser Tage jemals wieder dort verbringen müssen. 
Ein sehr schweres Jahr ist endlich zu Ende und ich könnte mich nicht mehr auf die Zukunft freuen und auf alle Feste, die noch kommen. 

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