Gedankengulasch.

Osterlamm bei Oma gefuttert, mit Freunden in den Mai getanzt und ganz viel Spaß gehabt. Jetzt hocke ich wieder hier auf meinem kleinen Einzelbett, höre den ganzen Tag Podcast und werde von Ärzten und Schwestern zurück auf den Boden der Tatsachen geholt. Podcast-hören habe ich hier im Krankenhaus absolut für mich entdeckt. Von Netflix zu Spotify, all-day-long. Dazu spiele ich im Übrigen ungesund viel Candy Crush. Meine Zeit hier nutze ich offensichtlich sehr sinnvoll und produktiv. 
Was ist besser um Zeit totzuschlagen, als sich mal wieder dem Schreiben zu widmen? Klar passieren bei mir jetzt auch nicht immer super spannende Dinge, die es sich lohnt zu erzählen und ich möchte auch niemandem auf die Nase binden, welchen Aufschnitt ich heute auf meinem Gourmet Krankenhausfrühstück hatte oder was ich so Zuhause getrieben habe, das ist im Großen und Ganzen nämlich absolut langweilig und alltäglich, für mich aber super schön und entspannend. 
Worüber also jetzt schreiben? Einfach drauf los, ohne festes Thema, ohne roten Faden. Einfach mal wieder schreiben, was mir so durch den Kopf geht.
Vielleicht starte ich damit, wie es mir momentan geht. Mein Magen randaliert Tag für Tag. Es ist keine wirkliche Übelkeit, Bauchschmerzen sind es auch nicht, aber wohl fühle ich mich irgendwie nicht. Ich weiß, man hört nur Mimimimimi, aber das sind nun mal leider die Nachwirkungen der Chemo, wie die Schwester so schön gesagt hat: „Ein kompletter Tag im Bett darf auch mal sein. Mach einfach drei Kreuze, wenn der Tag vorbei ist.“ Ich vergesse komischerweise immer wie blöd manche Nebenwirkungen sein können. In meinem Kopf spaziere ich hier immer top fit durch und habe keinen Tag mit Beschwerden. Die Realität ist natürlich anders. Aber mit Beschwerden muss hier im Krankenhaus ja zum Glück niemand leben, also lasse ich mir immer fleißig Mittel gegen Übelkeit geben um über den Tag zu kommen und so über die Zeit in meinem Einzelbett, die hoffentlich schnell wieder vorbei ist. Zurzeit befinde ich mich im 4. Block von 10 und sitze hier nach einer 24-Stunden-Chemo meine Zeit ab. Meine Haare wachsen tatsächlich wieder teilweise nach, allerdings nicht auf dem Kopf, sondern nur an den Kopfseiten. Man kann mich auch Hans-Dieternennen. Als würde ich nicht wild genug aussehen, haben sich meine Augenbrauen dazu entschieden immer so zu 50% auszufallen. Zuerst ist die vordere Hälfte, also dieses Buschige ausgefallen. Während das jetzt schön nachwächst und ich da ganz viele Stoppeln und Härchen habe, hat sich die hintere Hälfte zum Abgang entschlossen und ist jetzt auch nur noch so halb da. Praktischerweise habe ich einen ganz guten Augenbrauenstift für mich gefunden, sodass ich, wenn ich unter Menschen gehe nicht komplett verrückt aussehe. Wer wissen will, um welches Produkt es sich genau handelt kann mich sehr gerne fragen, ich kann allerdings nicht garantieren, dass ich eine Ahnung habe wie es heißt, denn ich habe ihn natürlich nicht mit in einem kleinen Gefängnis. Ich versuche aber mein Bestes, versprochen. Ein sehr positiver Fakt: Meine Wimpern kommen wieder. Sie sind sehr kurz und noch nicht wirklich zu gebrauchen, aber sie sind da und das ist nachdem da wirklich so gar nichts mehr war wirklich erfreulich Dreimal klopfen auf Holz, dass das so bleibt. Von den Haaren, die ich momentan teilweise auf dem Kopf habe wird definitiv nichts bleiben, das kann ich garantieren. Dafür habe ich noch zu viel Chemo vor mir. Langsam, aber sicher werden auch die sich wieder verabschieden und ich transformiere mich zurück von Halbglatze Hans-Dieter zu Glatzi. Ist mir auch ganz recht, wenn ich ehrlich bin. 


Es ist ein merkwürdiges Gefühl, dass schon so viel Zeit vergangen ist, allerdings auch noch so viel Zeit vor einem liegt. Manchmal habe ich das Gefühl ich bin quasi schon durch mit der Therapie und manchmal kommt es mir so vor als würden noch Jahre vor mir liegen. Auf der Station bin ich mittlerweile schon der „alte Hase“, was mir natürlich auch das Gefühl gibt: „ach so lang kann es nicht mehr sein“. Doch wenn man sich den Zeitplan anguckt bin ich leider noch nicht mal bei der Hälfte. 

Ich freue mich auf den Sommer, auch wenn ich nicht in die Sonne darf. Ich freue mich auf lange, warme Sommernächte mit Freunden, auch wenn ich keinen Alkohol trinken darf. Ich freue mich auf ganz viel gutes Essen, auch wenn ich nicht alles essen darf.

Ist der Sommer dann irgendwann vorbei, ist November und somit das Ziel auch schon in greifbarer Nähe. Es ist so großartig den Osterdeich hier direkt vor der Tür zu haben und innerhalb von 10 Minuten zu Fuß an der Weser zu sein, um dort ein paar Sonnenstunden zu verbringen. Wenn ich mir überlege, dass es natürlich auch Krankenhäuser gibt, die absolut nicht so gut angeschlossen sind bin ich wirklich froh hier zu sein, um auch von hier aus Zeit mit meinen Liebsten zu genießen. 
Manchmal habe ich das Gefühl ich schreibe hier jedes Mal den Gleichen Quatsch hin, aber es ist einfach so unglaublich wichtig und schön die Kleinen Dinge zu würdigen. Wenn ihr gesund seid und das hier lest, dann denkt einfach mal ganz kurz darüber nach wie unwichtig der Streit mit der Freundin oder dem Freund gerade ist, oder dass ihr euch mal wieder bei den Eltern melden könntet, einfach weil sie so ein wichtiger und starker Teil im Leben sind. Seid froh, dass du genüsslich in euren Döner beißen könnt, ohne auf irgendwas achten zu müssen und ärgert euch etwas weniger über den nervigen Uni-Kram oder die ätzende Hausarbeit. 
Ich stöpsle mir jetzt wieder meine Kopfhörer ins Ohr, mache mir einen Podcast an, bei dem ich lachen kann, lege die Füße etwas hoch und spiele unendlich viele Runden Candy Crush, bis ich mein Handy vor Aggressionen gegen die Wand werfen möchte. Vielleicht mache ich mir noch einen Kamillen-Tee gegen die Magenschmerzen, wenn man es Schmerzen nennen kann und hoffe auf Besserung.