Zuhause zu Gast.


7 Wochen im Krankenhaus, 7 Wochen abgeschottet von der Außenwelt, 7 Wochen isoliert. 7 Wochen Untersuchungen. MRT, CT und wie der ganze Spaß heißt. Kaum ist Chemoblock 1 vorbei, folgt auch schon Block 2. So schnell es geht weiter machen ist die Devise. Die Zeit vergeht schnell, alles passiert so schnell. Jeden Morgen Blut abnehmen, jeden Tag drei Mal Blutdruck, Fieber und Puls messen. Es muss weiter gehen, immer weiter und das immer in diesem Zimmer, auf dieser Station. Die Bettnachbarn wechseln, was sehr gut, allerdings auch sehr schlecht sein kann, es ist wie russisches-Bettnachbarn-Roulette. Nie alleine in einem Zimmer schlafen, irgendwo brennen immer Lichter, irgendwo kommt immer ein Piepen her und es ist einfach nicht das eigene Bett. Das Essen wiederholt sich, Abendessen und Frühstück ist, solange man es nicht regelmäßig umbestellt sowieso immer das Gleiche und hängt dir so dermaßen aus dem Hals heraus, wobei du ja sowieso nicht alles essen darfst. Es ist eben kein Hotel, sondern ein Krankenhaus. Doch das vermutlich Schwerste in der ganzen Zeit, bloß keinen starken Körperkontakt, zu niemandem. Weder zu den Eltern, noch zur besten Freundin, noch zum eigenen Freund. Nicht an Silvester um 0 Uhr, auch nicht am Geburtstag, nicht zur Begrüßung, nicht zum Abschied das 7 Wochen lang. 

Auch wenn man sicher immer denkt „Es muss schnell weiter gehen“, oder „Je schneller wir vorankommen, desto schneller bin ich hier am Ende komplett raus“, man vermisst sein Zuhause unfassbar doll. Auch wenn du schnell vorankommen willst fällt dir nach einer gewissen Zeit die Decke auf den Kopf und das Vermissen wird von Tag zu Tag schlimmer. Nach 7 Wochen im Krankenhaus, 7 Wochen abgeschottet von der Außenwelt, nach 7 Wochen Isolation war meine Geduld so am Ende, dass ich einfach nachfragen musste, wann ich endlich nicht mehr gegen die eine Wand gucken muss und endlich wieder wenigstens ein paar Nächte in meinem eigenen Bett schlafen durfte. Und tatsächlich, es passte alles. Meine Werte ließen es zu und mit der Chemo konnten die Ärzte so oder so noch nicht weiter machen. Ich glaube ich habe mich noch nie so dermaßen auf mein eigenes Bett gefreut. Man sollte meinen, wenn man das erste Mal aus dem Krankenhausbett heraus kommt sollte man so viel es geht unternehmen, aber für mich gab es keine schönere Vorstellung, als mich mit meinem Freund ins eigene Bett zu kuscheln, fettige Sachen zu essen, auf die ICH Bock habe und nicht, die mir die Krankenhauskantine vorsetzt und Netflix zu gucken. Ein Traum! Ganz genau das haben wir auch gemacht. Ich konnte so unfassbar viel Kraft in einfachen fünf Tagen tanken, das kann man sich überhaupt nicht vorstellen. 

Zuhause fühlt man sich nicht krank, es ist alles in Ordnung, es geht einem nicht schlecht und man fragt sich „Warum nicht immer so?“. Es sind fünf Tage in denen du komplett vergisst krank zu sein. Kein MRT oder CT, kein Blut abnehmen oder Blutdruck messen, keine Visite und vor allem kein Gift, was durch den Körper gepumpt wird. Es ist einfach alles in Ordnung. Zum Abschluss der 5 Tage kam dann noch ein kleines Highlight für mich: Essen in meinem Lieblingsrestaurant mit meinen Liebsten. Ein letztes Mal bevor es wieder zurück ins Krankenhaus ging, so richtig schlemmen. Normalerweise ist es sowieso eine Tradition zu meinem Geburtstag und so fand es 11 Tage später statt und war als Highlight meines „Heimaturlaubs“ noch viel schöner. 

Dann sitzt man nach wunderschönen und unbeschwerten 5 Tagen wieder auf unbestimmte Zeit auf seinem Krankenhausbett, fühlt sich auf einer Seite stärker als zuvor, gekräftigt von den letzten Tagen, ist auf der anderen Seite aber auch unglaublich traurig, dass 5 Tage innerhalb von Stunden vorbei gerast sind. 

Eine unglaublich schöne Überraschung, die mir meine Ärzte gemacht haben: Das nächste Wochenende durfte ich schon wieder raus. Zwar dieses Mal nur von Freitagabend bis Montag, jedoch kostet man jede Stunde, jede Sekunde Zuhause doppelt und dreifach aus. Tatsächlich verstehe ich bis heute immer noch nicht wieso ich diesen Freitag gehen durfte, da ich morgens noch Chemo bekommen habe, aber da fragt man dann auch einfach nicht mehr nach, die Ärzte wissen schon was für einen gut ist. 

In der Zeit, in der ich nach Hause darf, gehe ich zu meinem Freund, zu meiner Mama dürfte ich so oder so nicht, wegen der Katze. Tiere können zu viele Infekte, Krankheiten oder einfach Bakterien übertragen, die für mich gefährlicher sein können, als für gesunde Menschen Eine Infektion wäre für meinen Therapieverlauf sehr schlecht und würde alles um ungewisse Zeit verzögern. Den Sonntag haben wir dann trotzdem dafür genutzt in meinem Heimatdorf einen Spaziergang zu machen, wie so Rentner und was soll ich sagen, es war großartig. Die Seeluft, die Sonne und einfach der Ausblick, traumhaft! Im Anschluss gab es dann heimlicherweise noch einen Kaffee bei Mutti und mit enorm viel Hände waschen und desinfizieren sogar ein paar Streicheleinheiten für meine Katze, die ich auch sehr vermisst habe. 

Ich kann es nicht beschreiben, aber jedes Mal wenn ich Zuhause bin, dann fühle ich mich wieder wie die „normale“, alte Fenja, wie die gesunde Fenja! Ich bin mir sicher, dass der Körper dieses schöne Gefühl braucht um auch wirklich wieder gesund zu werden. Der Spruch „Zuhause ist es doch am Schönsten“, bekommt eine ganz andere Bedeutung und man genießt jede einzelne noch so winzige Kleinigkeit, jeden Moment. Ich habe mein Zuhause, egal ob bei meinem Freund oder meiner Mutter, so unfassbar schätzen gelernt und sehe es mit ganz neuen Augen. 7 Wochen waren die längste Periode, die ich im Krankenhaus an einem Stück bleiben musste und auch wenn ich noch eine lange Zeit immer wieder viel Zeit auf Station verbringen werde, ist es ein schönes Gefühl, dass man bald schon wieder nach Hause kann und bis ich diese ätzende Krankheit los bin, bin ich sehr glücklich wenigstens als Gast Zuhause zu sein. 

  • Teddy-Jacke: H&M
  • Pullover: Brandy Melville
  • Rollkragen: H&M
  • Hose: Bershka
  • Schal: Burberry
  • Mütze: Canada Goose
  • Gürtel: Moschino
  • Schuhe: Tamaris

*Werbung durch Markennennung