Sportskanone.


Die Monate vergehen so schnell. Die vermutlich schlimmste Zeit meines Lebens rückt immer weiter in die Vergangenheit. „Es ist so schön, dass du es geschafft hast“, höre ich so oft. Klar ist der schlimmste Teil vorbei, doch geschafft ist es für mich erst, wenn nach 5 Jahren die Ärzte sagen: „Sie sind gesund.“ 
Ich werde immer fitter, sowohl mental als auch körperlich. Mein Chemohirn und die damit verbundene Vergesslichkeit kommt kaum noch vor. „Mein Hirn ist ein Sieb“, gehört immer mehr zur Vergangenheit. 

Eine große Sportlerin war ich nie, doch brauche ich den Sport jetzt so sehr, wie noch nie zuvor. Während der Chemotherapie sind die Kilos so gepurzelt und ich habe 10kg abgenommen. Gefühlt 10kg an Muskeln. Ich war und bin zwar schlank, aber meine Haut war überhaupt nicht straff, sondern eher schwabbelig. Dinge, wie Treppen steigen oder gar rennen wurden zu einer großen Hürde. Einfach mal kurz ein paar Meter rennen ging gar nicht mehr, meine Beine wären so weggeknickt. 

Mannschaftssport ist überhaupt nicht meins und die Überwindung zum Joggen fällt mir doch noch sehr schwer. Meine neu entdeckte Leidenschaft ist das Schwimmen. Mindestens einmal die Woche versuche ich für eine Stunde Bahnen schwimmen zu gehen. Dabei kann ich abschalten, mich fokussieren und bin ganz bei mir. Vielleicht ist es auch, weil es mir während der Intensivtherapie strengstens verboten wurde, denn wie sagt man so schön: „Der Mensch will immer das, was man nicht haben kann.“ 
Es ist so wohltuend. Erst richtig Bahnen schwimmen und dann noch im warmen Becken einfach abschalten und entspannen. Für mich ein kleines Wochenhighlight.

Beim Schwimmen ist es vor allem gut, dass ich erst hinterher merke, was ich getan habe und nicht wie zum Beispiel beim Joggen schon halb sterbe, währenddessen ich noch unterwegs bin. Es tut einfach gut. 


Sport war für mich immer eine Last und ich habe es nie gerne gemacht. Die große Sportlerin werde ich vermutlich auch nicht mehr, aber ich habe etwas gefunden, was mir hilft meinen Körper wieder zu stärken. Wenn man absolut keine Muskeln mehr hat kann man total schön sehen, wie es immer mehr wird und wie man immer fitter wird, so soll es weitergehen. Ich genieße jede Bewegung und entdecke endlich das Schöne am Sport. 

Zwei Mal die Woche gehe ich mittlerweile für ein paar Stunden arbeiten, auch das tut einfach gut. Produktiv sein und feste Termine zu haben, auf die ich mich einstellen kann ist wunderbar. Hätte man mir noch vor 2 Jahren gesagt, wie sehr ich mich über Sport und Arbeit freuen würde, hätte ich die Person auf jeden Fall ausgelacht. Über sowas kann man sich doch nicht freuen – Doch, kann man! 

Das Krankenhaus rückt immer mehr in den Hintergrund. Einmal die Woche muss ich mich noch zur Blutkontrolle und Medikamentengabe dort für ein, zwei, höchstens drei Stunden blicken lassen. Es ist ein auch feststehender Termin, der definitiv zu meiner Woche gehört, an den ich absolut gewöhnt bin und der nach kurzer Zeit abgearbeitet ist und mir nicht unnötig viel Zeit raubt. Ich muss mich, bis auf die Medikamente, die ich noch nehme und immer noch jeden Freitag bekomme, kaum noch mit lästigen Behandlungen auseinandersetzten. Selbst Punktionen müssen nur noch alle drei Monate gemacht werden. 

Es ist so schön selber zu merken, wie man Tag für Tag stärker wird und auch bei körperlich anspruchsvolleren Aktivitäten nicht immer direkt raus sein zu müssen. 

Im Sommer geht’s richtig los und bis dahin genieße ich meine Zeit so gut es geht mit meinen Freunden und meiner Familie. Ich genieße aber auch die Momente, wie beim Schwimmen, in denen ich mit dem Kopf einfach nur bei mir bin und meine Gedanken einfach schweifen lassen kann. Diese Zeit für mich genieße ich und die brauche ich auch. Meiner Meinung nach tut man viel zu wenig für sich selbst. Es ist doch so leicht sich einfach mal eine Stunde zu nehmen, um sich etwas Gutes zu tun. Mir hilft es, mir geht es gut – sowohl körperlich als auch mental und ich bin unendlich froh das von mir behaupten zu können. Es geht in großen Schritten Richtung Gesundheit! 

P.S. Am 04. Februar, dem Weltkrebstag 2020 lief auf Sat1-Regional (Bremen-Niedersachsen) ein Beitrag über meine Geschichte. Ich bin unendlich dankbar, dass ich durch den Beitrag meine positive Einstellung weiter verbreiten – und hoffentlich dem Einen oder Anderen Mut machen konnte. Der Beitrag hat mich und meine Persönlichkeit unglaublich gut wiedergegeben und ich bin froh so offen reden zu dürfen. 
Wer den Beitrag noch nicht gesehen hat, kann ihn super gerne in der Mediathek von Sat1-Regional nachschauen: 

https://www.sat1regional.de/20-weltkrebstag-junge-bremerhavenerin-berichtet-vom-kampf-gegen-leukaemie/