Einfach mal so richtig Pech gehabt.


„An was denken Sie, wenn Sie an eine Krankheit des Blutes denken?“ – natürlich nicht sofort an Leukämie. Leukämie ist das, was die in irgendwelchen Filmen haben, oder die Menschen, die in der Zeitung stehen, aber nicht ich. Dann aber zu hören: „Es könnte Leukämie sein“, ist einfach nur unwirklich und fern ab jeder Realität. Du malst dir aus, was es alles sein könnte, denn Leukämie, also Krebs, ist vollkommen ausgeschlossen. Hallo? Ich bin 22, da hat man eben einfach keinen Krebs, außerdem haben Leukämie eh nur alte Menschen und kleine Kinder, also sicher nicht ich. Und trotzdem erklärt dir auch der zweite Arzt, der Hämatologe, der Spezialist: „Sie haben Leukämie, eine sehr gut behandelbare Form, aber es ist eine trotz allem eine bösartige Blutkrankheit, die schnellst möglich behandelt werden muss.“  
Was macht man also in dieser Situation, in der man eigentlich damit gerechnet hat zu hören, dass alles halb so schlimm ist, und dass man abends wieder gemütlich mit seinem Freund auf dem Sofa liegen würde und irgendwelche Serien auf Netflixgucken würde. „Wir würden Sie gerne direkt in der Notaufnahme aufnehmen, haben Sie irgendjemanden, der Ihnen Sachen bringen kann?“ Renn mal gegen eine Wand, lass dir ins Gesicht schlagen, oder einfach direkt in die Magenkuhle, das ist angenehmer. 
Der 11.12., also natürlich auch direkt vor Weihnachten, war der Tag, an dem ich das letzte Mal in meinem Bett aufgewacht bin, ohne Medikamente zu nehmen, oder direkt Blut abgenommen zu bekommen. An dem ich das letzte Mal mich geschminkt habe und mich richtig fertig gemacht habe. Keine Ahnung von dem was auf mich zu kommt. Es war doch einfach nur eine Erkältung, die nicht weg ging. Ja ok, vielleicht war ich ein bisschen schlapp in der letzten Zeit, aber mir geht es doch gut. Mir geht es doch die ganze Zeit immer gut.

„Warum ich?“, klar ist es das erste was man sich fragt. Man guckt fernsehen, sieht Leute am Fenster vorbeilaufen, Menschen in Zeitschriften oder auf dem Handy, die alle gesund sind und es am besten nicht einmal zu schätzen wissen und man fragt sich „warum ausgerechnet ich?“. Es ist Pech, ganz einfach gesagt und dieses Mal habe ich einfach mal so richtig Pech gehabt. Es gibt keinen Grund warum man diese Form von Leukämie bekommt. Raucher, die Lungenkrebs bekommen zum Beispiel haben einen Auslöser, ein Tumor, wenn man Strahlung ausgesetzt ist, ein Grund, doch hier gibt es das nicht, es kann jeden treffen, jeder Zeit und dieses Mal hatte ich eben das reine Pech. Die Ärztin nannte es: „Eine Zelle, die im Körper verrückt spielt und der dann viele weitere Zellen folgen“, kein Einfluss von Außerhalb, einfach eine einzige Zelle, die sich nicht richtig entwickelt und eine bösartige Blutkrankheit auslöst, die einfach auf einen Schlag dein ganzes Leben verändert. 


Eigentlich gab es keinen Moment in dem ich nicht positiv gedacht habe. Ich kann es nicht erklären, aber für mich ist es nicht so, als wäre ich schwer krank und als wäre es Krebs. Ich fühle mich nicht so, ich bin immer noch ich, ganz unverändert. Klar fehlen mittlerweile die Haare und das Krankenhaus ist zu meinem neuen Zuhause geworden, aber ich bin immer noch ich. Natürlich gibt es Tage an denen ich merke, dass ich schwach und müde bin und einfach nicht das schaffe, was ich gerne möchte, an denen die kleinsten Dinge, wie duschen oder mich umziehen eine richtige Anstrengung sind, aber ich bin immer noch ich. Für mich ging es ab dem Zeitpunkt an dem ich realisiert habe, dass ich tatsächlich nicht nur einen Schnupfen habe in eine Richtung und zwar nach vorne. Für mich gibt es keine andere Richtung, keine andere Option als Kerngesund werden! 

Klar lässt einen dieser „Warum-ich-Gedanke“ nie ganz los, doch man findet sich schnell damit ab und ist froh, dass man selber es hat, man selber dagegen kämpfen kann, es in die eigene Hand nehmen kann und es nicht zum Beispiel jemand aus seiner Familie, jemand von seinen Freunden trifft und man untätig danebenstehen muss. Ich bin stark und komme sehr gut mit der Krankheit und der Therapie klar, mir fällt es nicht schwer vor anderen Menschen damit umzugehen, ich habe nun einmal die Krankheit, warum es verheimlichen oder herunterspielen. Die Familie hat es häufig viel schwerer damit klar zu kommen, sie müssen danebenstehen, können nichts tun und versuchen es dennoch ohne Erfolg. Ich denke viele, viele Menschen würde es schwerer fallen mit all dem umzugehen und dass ich die Krankheit bekommen habe, war wie gesagt reines Pech. Wenn einem fünf Ärzte unabhängig voneinander sagen, dass man wieder kerngesund wird, es aber ein sehr langer und schwerer Weg wird, dann geht man den Weg, denn es geht nur in eine Richtung, nichts anderes kommt in Frage. 

  • Blazer: Hallhuber
  • Hose: Levis
  • Schuhe: Sacha Shoes
  • Gürtel: Moschino
  • Rollkragen: H&M

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