Die langersehnte Nachricht.

Eigentlich hatte ich schon einen kompletten Beitrag für meinen Blog fertig geschrieben, doch heute kam dann alles ein wenig anders, als ich erwartet hatte. 
Die Erhaltungstherapie startet – endlich. Eigentlich sollte es schon Anfang der Woche los gehen, doch wegen Platzmangel auf meiner Station wurde es immer wieder verschoben, bis heute. Es muss weiter gehen, dachte ich mir die letzten Tage immer wieder. So schön es den letzten Monat ohne Krankenhaus war und so sehr ich die Normalität und selbst die Langeweile genossen habe, so sehr war immer noch der Gedanke in meinem Kopf, dass sich Leukämiezellen in meinem Körper befinden und immer noch nicht alles weg ist. Es muss weiter gehen, dachte ich nur. Es muss weiter gehen in Richtung Gesundheit. Der Krebs muss weg und das komplett.

Heute war es endlich so weit, die Erhaltungstherapie sollte starten. 
Die erste Nachricht, die der Arzt mir dann quasi zwischen Tür und Angel übermittelte: „Bei der letzten Punktion konnten keine Krebszellen mehr bei Ihnen gefunden werden. Es sind keine mehr da.“ – Wow! Natürlich muss immer noch gut drauf geachtet werden, es muss kontrolliert werden, und ich muss weiterhin starke Medikamente bekommen, aber Wow! – was für eine Nachricht. Was für eine großartige Nachricht! 

Ich habe mich den letzten Monat so normal gefühlt, überhaupt nicht krank. Tag für Tag habe ich gespürt, wie mein Körper stärker und kräftiger wurde. Tag für Tag konnte ich Dinge erledigen, auch anstrengende Dinge, ohne komplett erschöpft oder kaputt zu sein. Es fühlt sich einfach nur gut an. Selbst mit „Sport“ habe ich wieder ein wenig angefangen. Sport im weitesten Sinne… es sind kleine Übungen und Yoga für Anfänger, aber hey, immerhin. Selbst den Muskelkater genieße ich. Wie lange hatte ich bitte keinen Muskelkater mehr? Es ist verrückt. 

Mein Bauchgefühl hat mir gesagt, dass es nach der letzten Chemo einfach nur wieder besser geworden sein kann, aber dass gar nichts mehr gefunden wurde hätte ich nicht erwartet. Es ist ein großartiges Gefühl.

Nach jeder Punktion immer wieder ein „Es ist besser geworden, aber immer noch nicht ganz weg“ war mittlerweile normal. „Bis zur Erhaltungstherapie bekommen wir die blöden letzten Krebszellen noch weg“, hat mein Arzt immer gesagt und siehe da – endlich! 

Es geht mir gut – wirklich gut. Nicht den Umständen entsprechend gut, sondern einfach gut. Ich kann wirklich nicht beschreiben was für ein fantastisches Gefühl es ist, das von mir behaupten zu können. Es tut so verdammt gut wieder selbstständiger und vor allem kräftiger zu werden. Einfach großartig. 

Ein neuer Schritt in Richtung Gesundheit starten heute. Mit Sicherheit wird auch dieser Weg kein Spaziergang, aber ich bin nicht mehr so abgeschottet von einem normalen Leben. Trotz Krankenhaus Normalität – und das ist auch gut so! Meine neu gewonnene Freiheit gebe ich so schnell nicht wieder her. 

Wie angenehm ein ganz Normaler Alltag, ein ganz normales Leben sein kann, lernt man erst zu schätzen, wenn es einem genommen wird. Letztes Jahr kurz vor Weihnachten, am 12.12. habe ich meine Diagnose bekommen. Heute, ein knappes Jahr später, am 05.12. endlich die lang ersehnte Nachricht: Keine Krebszellen mehr. Das schönste Weihnachtsgeschenk, was ich jemals bekommen habe und vermutlich bekommen werde. Ein riesen Schritt in Richtung Gesundheit.

2019 war ein scheiß Jahr und ich bin froh, wenn es endlich vorbei ist. Die Krankheit hat mein ganzes Jahr in Anspruch genommen, doch ich habe mich nicht unterkriegen lassen und ich werde alles dafür tun, dass diese beschissenen Zellen auch wegbleiben. 
Gesundheit ist das wichtigste Gut, das ein Mensch besitzen kann, das dürfen wir niemals vergessen. Eine Krankheit wünscht man keinem. #fuckyou2019 #fuckyoucancer Auf ein besseres 2020 und darauf, dass diese scheiß Krebszellen nicht mehr wiederkommen. Auf in die Erhaltungstherapie – los geht’s. 

Oh Herbst, lang ersehnter Herbst.

Der Herbst ist gekommen, es fühlt sich schon fast an wie Winter. November, 11 Monate sind vergangen seit der Diagnose. 11 Monate, die wahrlich kein Spaziergang waren. 11 Monate voller Krankenhaus, voller Untersuchungen, voller körperlicher Schwäche. Aber auch 11 Monate voller Dankbarkeit, voller Fortschritte und voller Liebe. Noch nie habe ich mich so nah meinen Freunden und noch viel mehr meiner Familie gefühlt. Diese 11 Monate sind nun endlich vorbei, die Intensivtherapie ist vorbei und das wurde auch wirklich Zeit. 

Nie wieder Chemo, toi toi toi! Hoffentlich nie wieder wegen dieser scheiß Krankheit länger im Krankenhaus bleiben und nie wieder so sehr auf andere Menschen angewiesen sein. Es nervt! Natürlich fahren meine Eltern und mein Freund mich überall hin, wo ich hinmuss. Aber ich habe es satt. Ich möchte nicht mehr, dass sie wegen mir später zur Arbeit fahren, oder ihren Nachmittag verschwenden, ich möchte selbstständig sein, möchte auf niemanden angewiesen sein. 

Der Herbst ist gekommen, die Intensivtherapie ist vorbei. Der schlimmste Teil der Therapie ist geschafft und ich kann endlich wieder mein Leben Richtung Normalität steuern. Wie schön ist es einfach selbstständig über sein Leben bestimmen zu können? Selbst entscheiden, wann man wo ist und was man wann machen möchte. Ich bin unendlich froh endlich nicht mehr fremdbestimmt durchs Krankenhaus zu sein und mein Leben nicht mehr nach den Chemo-Zyklen planen zu müssen. Endlich wieder selbstständig sein. Selbstständig Termine machen, selbstständig planen, selbstständig seinen Aufenthaltsort bestimmen, selbstständig mein eigenes Geld verdienen. 

Vor genau 3 Tagen wurde ich endlich zum letzten Mal entlassen und was macht mein Körper zu aller erst? Genau, krank werden. Natürlich muss ich trotzdem weiterhin aufpassen, dass ich mir keine Infekte einhandle und bin natürlich auch noch ordentlich anfällig dafür, aber ich kann mir auch vorstellen, dass mein Körper einfach die ganze Anspannung von sich gelassen und einfach mal losgelassen hat. 11 Monate lang war es absolut unerwünscht krank zu sein, da die Chemo hätte verschoben werden müssen und kaum sind die Chemo-Zyklen vorbei, zack krank. Das nenne ich Timing. 

Gut erholt und befreit von der kleinen Erkältung, die ich momentan mit mir rumschleppe, kehre ich am 02.12. ins Krankenhaus zurück und starte die Erhaltungstherapie. Komplett krebsfrei bin ich offiziell noch nicht, aber der Weg dahin ist nicht mehr weit. 2,5 Jahre Erhaltungstherapie stehen mir noch bevor. Und 5 Jahre nach der Beendigung der Therapie ist man erst wieder wirklich „gesund“

Der Herbst ist gekommen und ich schaue auf ein 2020, welches nur besser werden kann als dieses verfluchte 2019. 2020, ein Jahr voller Selbstständigkeit, voller Fortschritte und voller Erfolge. 2020, ein Jahr in dem ich hoffentlich meine Dankbarkeit zeigen kann und soviel wie möglich zurückgeben möchte. Ich bin froh den schlimmsten Teil der Therapie überstanden zu haben und blicke in eine schöne Zukunft. Ich musste 2019 schlagartig erwachsen werden und nehme aus diesem Jahr so viel an Erfahrung und Stärke mit in die Zukunft. Wie sagt man so schön? „Was einen nicht umbringt, macht einen stärker“, und so blöd der Spruch auch ist, er stimmt. Ich bin stärker denn je und so möchte ich ab jetzt auch leben. 

Intensivtherapie – die Letzte.

Wie fühlt es sich an mitten im letzten Chemoblock zu stecken? Wie fühlt es sich an kurz vor dem Ende der Intensivtherapie zu stehen? Sollte ich nicht springen und tanzen? Wirklich feiern werde ich wahrscheinlich erst können, wenn der Arzt mir in einigen Jahren sagt: „Frau Harms, Sie sind gesund!“ 
Die Ärzte sind sehr zufrieden. Klar gibt einem das ein sicheres Gefühl, doch gleichzeitig ist da dieser kleine Teil an Zellen, der eben noch nicht weg ist und einem ein mulmiges Gefühl im Magen verschafft. 
„Dieser Teil ist so minimal, dass die Therapie und auch die Erhaltungstherapie ganz normal ablaufen können – wir sind uns sicher, dass auch dieses letzte Stück dann mit der Zeit verschwindet.“ Es ist schön solche Worte zu hören, doch im Hinterkopf flüstert leise eine Stimmte: „Was, wenn nicht?“ 

In einem Punkt bin ich mir zu hundert, nein, sogar zu tausend Prozent sicher: Diese Chemo tritt der Krankheit nochmals sowas von in den Arsch! Ich muss zwar auch mit den Nebenwirkungen kämpfen, jedoch gibt mir die Kraft der Chemo Sicherheit. Endlich alle Zellen loswerden, endlich den ganzen Scheiß hinter mir lassen. Kann es denn so schwer sein? 

Die Nebenwirkungen waren tatsächlich noch kein einziges Mal so stark, wie im letzten Durchgang, zumindest was die Schleimhäute betrifft. Kein Appetit, Entzündeter Mund, entzündete Zunge. Reden ging nur mit Mühe, essen eigentlich gar nicht. Wenn ich einen Liter stilles Mineralwasser am Tag runter bekam war ich schon mehr als zufrieden mit mir. Dieser verfluchte Teufelskreis, zu wenig Essen = Bauchschmerzen, zu wenig Trinken = Kopfschmerzen. Kaputt und müde war ich zusätzlich natürlich auch noch. Aber egal dachte ich mir die ganze Zeit. Ganz egal, je stärker die Chemo ist, desto wahrscheinlicher ist es den ganzen Müll endlich los zu sein und endlich einen weiteren Schritt Richtung Gesundheit zu machen. Bei allem was ich jetzt noch über mich ergehen lassen muss denke ich mir: „Es ist bald vorbei, endlich vorbei.“ 

Meine Gesundheit steht und wird auch immer an erster Stelle stehen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt hat man aber einfach keine Lust mehr, man hat es satt. Ich würde niemals in meinem Leben aufhören zu kämpfen, zu keinem Zeitpunkt. Ich würde das ganze Prozedere auch wieder und wieder über mich ergehen lassen, weil ich weiß, dass ich wieder gesund werde und ein normales Leben führen kann Irgendwann ist die Geduld jedoch an einem Punkt, an dem man sich sagt: Hey, reicht jetzt auch. Genug mit Schmerzen, genug mit Nebenwirkungen, genug mit Behandlungen, genug mit Spritzen, genug mit Tabletten und vor allem genug mit Krankenhaus. 

Es liegen noch ein paar Tage Krankenhaus vor mir, in denen ich stationär aufgenommen bin und hierbleiben muss. Die 24h-Chemo tropft neben mir bereits und läuft langsam, aber sicher in meine Venen. Ich merke davon nichts, wie immer, aber natürlich weiß ich, dass auch dieses Mal wieder einiges auf mich zukommen kann. Es ist so trügerisch. Still und leise läuft die giftgelbe Flüssigkeit in den Körper, ohne dass man es auch nur ansatzweise etwas spürt und Tage später BOOM zeigt das gute Mittel, was es wirklich draufhat.

Nach dem stationären Aufenthalt muss ich alle zwei Tage wieder ins Krankenhaus kommen, um meine Werte kontrollieren zu lassen und wenn diese wieder in Ordnung sind, ist die Intensivtherapie vorbei. Vorbei? Einfach vorbei. Es ist für mich noch so unglaublich surreal. War nicht gerade eben noch Dezember? Haben wir nicht gerade erst gesagt: „Wenn der Sommer vorbei ist, dann ist es fast geschafft.“ Und wo stehen wir jetzt? Es ist Herbst! Die Blätter fallen endlich von den Bäumen, es regnet den ganzen Tag und die letzte Chemotherapie ist im Gange. Meine Haare werden immer dichter, körperlich werde ich von Chemopause zu Chemopause fitter und auch mental geht es mir verdammt gut. Der letzte Chemoblock, was für ein komisches Gefühl. 

Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass auch während der Erhaltungstherapie noch sehr, seeehr viel auf mich zukommen wird und dass auch diese Therapie kein Spaziergang wird, doch der größte Teil ist geschafft und hey, ich bin verdammt stolz auf mich! 

Ich habe Spritzen über mich ergehen lassen, wurde so oft gepikst, dass alle meine Venen komplett vernarbt sind, ich habe mindestens 50% meiner Zeit im Krankenhaus verbracht und wenn nicht im Krankenhaus, dann auf der Couch oder im Bett. Meine Haare mussten sich verabschieden, und zwar alle Haare, im Gesicht sehe ich aus, als würde ich 100 Kilo wiegen, während ich tatsächlich 10 Kilo abgenommen habe. Das alles ist aber egal, denn ich habe niemals mein Gesicht verloren. Ich habe niemals die Freude am Leben und an den schönen Dingen verloren. Ich bin immer noch ich, ein offener, vor allem lebensfroher und positiver Mensch. Meine Familie und meine Freunde müssen so viel mit mir durchmachen und auch ihr könnt allesamt so verdammt stolz auf euch sein, denn ich war bestimmt nicht die ganze Zeit über so erträglich.

Noch ein paar Wochen und ich mache den nächsten riesigen Schritt Richtung Zukunft, Richtung Gesundheit und es gibt nichts auf das ich mich mehr freue.