Ausgang.

Drei wunderschöne Wochen neigen sich dem Ende. Drei Wochen voller Normalität, voller Spaß und voller traumhaftem Wetter. Viel zu schnell gewöhnt man sich wieder an den ganz normalen Alltag Zuhause und viel zu schnell geht die Normalität wieder um. Jetzt habe ich nur noch das Wochenende, bevor ich mich Montag wieder der Realität, der Krankheit, dem Krankenhaus stellen muss. Jede Minute, jede Sekunde wird ab jetzt in vollen Zügen genossen, jeder Moment noch einmal voll ausgekostet. Am aller liebsten würde ich einfach die Zeit wieder zurückdrehen. Noch einmal 2,5 Wochen in die Vergangenheit und alles noch einmal genauso erleben, wie es war. Noch einmal Raclette machen, um so das Weihnachts- oder auch Silvesteressen nachzuholen, was ich im letzten Jahr auslassen musste. Noch einmal bei 16 Grad im Fischerreihafen in der Sonne sitzen, Fischbrötchen essen und aufs Wasser gucken. Noch einmal lecker zusammen mit Mama unser Lieblingsgericht Spaghetti Aglio e Olio kochen. Noch einmal lecker essen gehen mit der besten Freundin und einfach quatschen. Doch vor allem noch einmal kochen worauf man Lust hat, sich mit dem Freund ins Bett kuscheln, Netflix gucken und nie wieder aufstehen wollen. Auch wenn ich jeden zweiten Tag zur Kontrolle ins Krankenhaus musste, da die letzte Chemo als nette Nebenwirkung eine stärkere Blutgerinnung hatte und das natürlich zu schwerwiegenden Folgen führen könnte, wusste ich, dass ich Abends zusammen mit meinem Freund den Abend genießen kann und vor allem, dass ich die Nacht im eigenen Bett verbringen kann. Die Vorstellung die nächsten Wochen wieder meine meiste Zeit in einem Krankenhausbett zu verbringen, mir nicht aussuchen zu können, was ich essen möchte und die ätzenden Behandlungen zu bekommen lässt mich wirklich innerlich kotzen. Doch was solls. Es muss weiter gehen und so schön die Zeit Zuhause ist, muss ich mir immer wieder vor Augen halten, dass die Krankheit, so gut es mir auch geht, von der Zeit Zuhause nicht weg geht. Und Priorität Nr.1 ist es gesund zu werden. Wären die Haare nicht weg, die mir immer wieder im Spiegel zeigen, dass ich krank bin, würde ich es vermutlich in der Zeit Zuhause einfach vergessen. Was jetzt kommt? Ich habe keine Ahnung. Auf jeden Fall wieder Chemo, weiter in der Therapie. Der dritte Chemoblock muss starten, es muss weitergehen, sonst bin ich den Scheiß nie los. 

Bevor ich es vergesse: An dem letzten Samstag, den ich im Krankenhaus verbringen musste, überkam mich die Langeweile. Ich habe eines der „Instagram-Story-Tools“ genutzt, um mir diese ein bisschen zu vertreiben. Da einige Fragen beim „Stellt-mir-eine-Frage-Tool“ doppelt und dreifach gestellt wurden, habe ich mich dazu entschieden die häufigsten Fragen einfach hier zu beantworten. Allerdings hatte ich während der Zeit, die ich nun Zuhause verbracht habe absolut keine Lust meine Zeit mit schreiben zu verbringen, so gibt es die Antworten erst jetzt. Sorry, not sorry. 

  • Wie geht es dir? Eine eigentlich wirklich sehr einfache, aber doch wichtige Frage. Ich kann sie zum Glück momentan sehr klar beantworten: Es geht mir sehr, sehr gut. Ich merke von der Krankheit kaum etwas, toi toi toi. Klar bin ich nicht immer 100%ig fit, aber ist das bei einem gesunden Menschen nicht auch mal so, dass man einen schlechten Tag hat?  Auch wenn ich Zuhause mal sehr kaputt bin und auch mal Bauch- oder Kopfschmerzen habe, bin ich immer noch Zuhause und habe meine liebsten Menschen um mich herum. Ich muss auf niemanden Rücksicht nehmen und kann die Zeit komplett für mich nutzen. Es steht jetzt zwar wieder Krankenhaus vor der Tür, doch auch da weiß ich, dass ich ganz viel Unterstützung durch meine Familie und meine Freunde bekomme, und so denke ich wird es mir auch in der Zeit größten Teils gut gehen. 
  • Woher nimmst du die ganze Kraft? Meine Familie, meine Freunde und mein Freund geben mir sehr viel Kraft. Sie stehen mir bei, komme was wolle. Auch wie alle mit mir umgehen, gibt unglaublich viel Kraft. Niemand behandelt mich wie eine „Kranke“, niemand bemitleidet mich, alle stehen mir sehr positiv gegenüber, das tut einfach gut. Natürlich schöpfe ich auch in der Zeit Zuhause unfassbar viel Kraft. Es ist als würde ich die Wochen an einer Steckdose verbringen und mich wieder komplett aufladen. Doch ich denke am wichtigsten, am wirklich aller wichtigsten ist die eigene Einstellung. Du wirst keine Kraft haben, wenn du dich selber bemitleidest und dich selber runterziehst. Was bringt es denn auch? Nichts. Man darf seinen Mut nicht verlieren, eine positive Einstellung schenkt Kraft ohne Ende. 

  • Wie gut schlägt die Therapie an? Sehr gut! Ich bin so froh, dass ich diese Frage so eindeutig beantworten kann. Die Ärzte sind durch und durch zufrieden mit dem jetzigen Stand der Ergebnisse und der Therapie. Der jetzige Stand ist, dass sich keine Leukämiezellen mehr in meinem Körper befinden und mit der weiteren Therapie sozusagen sichergestellt wird, dass das natürlich auch so bleibt. Bis auf Müdigkeit, Kurzatmigkeit und ein wenig Übelkeit habe ich auch noch keine wirklich schlimmen Nebenwirkungen gehabt. Die Ärzte sind sehr froh, dass ich die Therapie so gut vertrage. Ich hoffe einfach, dass es so bleibt und ich auch den nächsten Block gut und mit wenig Beschwerden überstehe. 


  • Hast du manchmal auch etwas Angst? Da müsste man jetzt festlegen, wovor Angst? Natürlich habe ich auch mal Angst. Ich habe allerdings eher Angst vor Schmerzen, nicht vor der Krankheit selbst. Ein gutes Beispiel wäre: Ich musste im letzten Block 3 Spritzen in 3 Wochen ins Knochenmark bekommen, bei denen man keine Betäubung nutzt, da die Person sitzend einen Katzenbuckel machen muss. Eine Betäubung an der Stelle selber wäre Schwachsinn, da dafür auch eine Spritze genutzt werden würde. Diese Spritze verursacht einen kurzen, aber sehr unangenehmen Schmerz, der durch den ganzen Körper zieht. Davor hatte ich immer sehr Angst, weil ich genau wusste was auf mich zu kommt. Vor der Krankheit habe ich keine Angst, weil ich sehr zuversichtlich bin, dass ich die so schnell wie möglich wieder los bin. 

P.S.: Ich wollte unbedingt Raclette essen. Habe meinen Freund sogar im Dezember noch dazu gezwungen zwei Pakete Raclette-Käse einzufrieren, damit ich auch ja keinen anderen Käse nehmen muss. Und es war einfach göttlich. Dinge mit Käse zu überbacken ist einfach die schönste Sache der Welt. Deshalb in diesem Post ein paar Bilder von einem meiner Highlights Zuhause. 

Zuhause zu Gast.


7 Wochen im Krankenhaus, 7 Wochen abgeschottet von der Außenwelt, 7 Wochen isoliert. 7 Wochen Untersuchungen. MRT, CT und wie der ganze Spaß heißt. Kaum ist Chemoblock 1 vorbei, folgt auch schon Block 2. So schnell es geht weiter machen ist die Devise. Die Zeit vergeht schnell, alles passiert so schnell. Jeden Morgen Blut abnehmen, jeden Tag drei Mal Blutdruck, Fieber und Puls messen. Es muss weiter gehen, immer weiter und das immer in diesem Zimmer, auf dieser Station. Die Bettnachbarn wechseln, was sehr gut, allerdings auch sehr schlecht sein kann, es ist wie russisches-Bettnachbarn-Roulette. Nie alleine in einem Zimmer schlafen, irgendwo brennen immer Lichter, irgendwo kommt immer ein Piepen her und es ist einfach nicht das eigene Bett. Das Essen wiederholt sich, Abendessen und Frühstück ist, solange man es nicht regelmäßig umbestellt sowieso immer das Gleiche und hängt dir so dermaßen aus dem Hals heraus, wobei du ja sowieso nicht alles essen darfst. Es ist eben kein Hotel, sondern ein Krankenhaus. Doch das vermutlich Schwerste in der ganzen Zeit, bloß keinen starken Körperkontakt, zu niemandem. Weder zu den Eltern, noch zur besten Freundin, noch zum eigenen Freund. Nicht an Silvester um 0 Uhr, auch nicht am Geburtstag, nicht zur Begrüßung, nicht zum Abschied das 7 Wochen lang. 

Auch wenn man sicher immer denkt „Es muss schnell weiter gehen“, oder „Je schneller wir vorankommen, desto schneller bin ich hier am Ende komplett raus“, man vermisst sein Zuhause unfassbar doll. Auch wenn du schnell vorankommen willst fällt dir nach einer gewissen Zeit die Decke auf den Kopf und das Vermissen wird von Tag zu Tag schlimmer. Nach 7 Wochen im Krankenhaus, 7 Wochen abgeschottet von der Außenwelt, nach 7 Wochen Isolation war meine Geduld so am Ende, dass ich einfach nachfragen musste, wann ich endlich nicht mehr gegen die eine Wand gucken muss und endlich wieder wenigstens ein paar Nächte in meinem eigenen Bett schlafen durfte. Und tatsächlich, es passte alles. Meine Werte ließen es zu und mit der Chemo konnten die Ärzte so oder so noch nicht weiter machen. Ich glaube ich habe mich noch nie so dermaßen auf mein eigenes Bett gefreut. Man sollte meinen, wenn man das erste Mal aus dem Krankenhausbett heraus kommt sollte man so viel es geht unternehmen, aber für mich gab es keine schönere Vorstellung, als mich mit meinem Freund ins eigene Bett zu kuscheln, fettige Sachen zu essen, auf die ICH Bock habe und nicht, die mir die Krankenhauskantine vorsetzt und Netflix zu gucken. Ein Traum! Ganz genau das haben wir auch gemacht. Ich konnte so unfassbar viel Kraft in einfachen fünf Tagen tanken, das kann man sich überhaupt nicht vorstellen. 

Zuhause fühlt man sich nicht krank, es ist alles in Ordnung, es geht einem nicht schlecht und man fragt sich „Warum nicht immer so?“. Es sind fünf Tage in denen du komplett vergisst krank zu sein. Kein MRT oder CT, kein Blut abnehmen oder Blutdruck messen, keine Visite und vor allem kein Gift, was durch den Körper gepumpt wird. Es ist einfach alles in Ordnung. Zum Abschluss der 5 Tage kam dann noch ein kleines Highlight für mich: Essen in meinem Lieblingsrestaurant mit meinen Liebsten. Ein letztes Mal bevor es wieder zurück ins Krankenhaus ging, so richtig schlemmen. Normalerweise ist es sowieso eine Tradition zu meinem Geburtstag und so fand es 11 Tage später statt und war als Highlight meines „Heimaturlaubs“ noch viel schöner. 

Dann sitzt man nach wunderschönen und unbeschwerten 5 Tagen wieder auf unbestimmte Zeit auf seinem Krankenhausbett, fühlt sich auf einer Seite stärker als zuvor, gekräftigt von den letzten Tagen, ist auf der anderen Seite aber auch unglaublich traurig, dass 5 Tage innerhalb von Stunden vorbei gerast sind. 

Eine unglaublich schöne Überraschung, die mir meine Ärzte gemacht haben: Das nächste Wochenende durfte ich schon wieder raus. Zwar dieses Mal nur von Freitagabend bis Montag, jedoch kostet man jede Stunde, jede Sekunde Zuhause doppelt und dreifach aus. Tatsächlich verstehe ich bis heute immer noch nicht wieso ich diesen Freitag gehen durfte, da ich morgens noch Chemo bekommen habe, aber da fragt man dann auch einfach nicht mehr nach, die Ärzte wissen schon was für einen gut ist. 

In der Zeit, in der ich nach Hause darf, gehe ich zu meinem Freund, zu meiner Mama dürfte ich so oder so nicht, wegen der Katze. Tiere können zu viele Infekte, Krankheiten oder einfach Bakterien übertragen, die für mich gefährlicher sein können, als für gesunde Menschen Eine Infektion wäre für meinen Therapieverlauf sehr schlecht und würde alles um ungewisse Zeit verzögern. Den Sonntag haben wir dann trotzdem dafür genutzt in meinem Heimatdorf einen Spaziergang zu machen, wie so Rentner und was soll ich sagen, es war großartig. Die Seeluft, die Sonne und einfach der Ausblick, traumhaft! Im Anschluss gab es dann heimlicherweise noch einen Kaffee bei Mutti und mit enorm viel Hände waschen und desinfizieren sogar ein paar Streicheleinheiten für meine Katze, die ich auch sehr vermisst habe. 

Ich kann es nicht beschreiben, aber jedes Mal wenn ich Zuhause bin, dann fühle ich mich wieder wie die „normale“, alte Fenja, wie die gesunde Fenja! Ich bin mir sicher, dass der Körper dieses schöne Gefühl braucht um auch wirklich wieder gesund zu werden. Der Spruch „Zuhause ist es doch am Schönsten“, bekommt eine ganz andere Bedeutung und man genießt jede einzelne noch so winzige Kleinigkeit, jeden Moment. Ich habe mein Zuhause, egal ob bei meinem Freund oder meiner Mutter, so unfassbar schätzen gelernt und sehe es mit ganz neuen Augen. 7 Wochen waren die längste Periode, die ich im Krankenhaus an einem Stück bleiben musste und auch wenn ich noch eine lange Zeit immer wieder viel Zeit auf Station verbringen werde, ist es ein schönes Gefühl, dass man bald schon wieder nach Hause kann und bis ich diese ätzende Krankheit los bin, bin ich sehr glücklich wenigstens als Gast Zuhause zu sein. 

  • Teddy-Jacke: H&M
  • Pullover: Brandy Melville
  • Rollkragen: H&M
  • Hose: Bershka
  • Schal: Burberry
  • Mütze: Canada Goose
  • Gürtel: Moschino
  • Schuhe: Tamaris

*Werbung durch Markennennung

Das Ding mit den Haaren.


Gibt es für ein Mädchen oder eine Frau etwas schlimmeres als den Verlust seiner Haare? Eine lange blonde Mähne, seit frühem Kindesalter gezüchtet. Weiblich und schön. So ein Mensch war ich tatsächlich noch nie. 
Haare sind etwas Wundervolles, sie machen den Menschen so schön wandelbar und einzigartig. Ich persönlich hatte noch nie Berührungsängste mit meinen Haaren, habe sie ständig abgeschnitten und gefärbt, wollte ich immer anders aussehen, bloß nicht wie alle anderen. Aber dass ich mich mal so extrem von allen abheben würde hätte ich nicht gedacht. 
„Sie wissen, dass Sie bei der Chemo Ihre Haare verlieren? Die Dosierung ist so stark, dass Sie eigentlich fast zu 100% davon ausgehen können, dass sie ausfallen“- der Satz mit dem man natürlich schon fest gerechnet hat, doch trotzdem noch ein wenig Hoffnung hatte ihn so lange es möglich ist nicht zu hören. „Die Haare kommen wieder“, immer wieder sagen alle „die Haare kommen wieder“. Ja klar kommen sie wieder, keine Frage, nur wie lange das dauert erwähnt keiner. Wie lange dauert es wohl die Haare zurück auf meine Länge zu bekommen? Ich meine sonderlich lang sind sie jetzt nicht, knappes Stück über die Schulter, aber um Monate, vielleicht Jahre kann es sich trotzdem handeln. Aber es gehört dazu, damit muss man sich abfinden, Punkt. 

45 Minuten saßen wir im Bad und haben gegen die Menge an Haaren gekämpft, die noch auf meinem Kopf war. „Nach fast 20 Jahren in diesem Beruf musste ich noch nie bei einer Patientin mit einer Schere vorarbeiten, heute ist Premiere für uns beide. Und wo ich dabei bin, eine Kurzhaarfrisur würde Ihnen auch gut stehen.“ Ich war froh, dass es endlich passierte. Klar freut man sich nicht über eine Glatze, aber meine Geduld mit den herumfliegenden Haaren war am Ende. Tatsächlich habe ich während der 45 Minuten Kopf rasieren sehr viel gelacht, ich habe mit der Schwester gequatscht und es fühlte sich gar nicht mehr schlimm an, ein wenig komisch, aber nicht schlimm. Eine kleine Angst blieb mir aber doch im Hinterkopf hängen: Was ist, wenn ich plötzlich total verändert aussehe? Ich möchte ich bleiben, auch optisch, ich möchte mich nicht grundlegend verändern. 
Der erste Blick in den Spiegel – Erleichterung. Ich war immer noch ich. Mein Gesicht ist das Gleiche, mein Kopf ist der Gleiche, nur die Haare fehlen, aber ich war trotzdem noch ich. Im Endeffekt war der erste Blick in den Spiegel sogar eher positiv als negativ, da meine größte Sorge nicht eingetreten war. An Stellen, an denen die Haare ausgefallen waren war ich komplett kahl und an den Stellen wo meine Haare noch fest saßen waren Stoppeln. Die Schwester nannte es liebevoll „KZ-Friese“. Man darf eben auch in solch einer Situation den Humor nicht ganz verlieren. 
Als Kopfbedeckung habe ich mir vor allem Turbane zugelegt, die sehen wirklich super aus und lassen sich echt gut tragen. Mittlerweile trage ich auch die gar nicht mehr so häufig. Ich habe mich einfach total an meinen Glatzkopf gewöhnt. Eine Perücke habe ich mir auch sehr schnell ausgesucht, dazu später aber noch genaueres. 

Erst einmal verschwindet der Gedanke dann auch relativ zügig wieder, noch hat man seine Haare ja noch, sie waren zwar von diesem grauenvollen pH-neutralen Shampoo, welches man während der Chemo benutzen muss, unfassbar verklettet und zerzaust, aber sie sind ja noch fest auf dem Kopf, ein Problem also, mit dem sich die Zukunfts-Fenja beschäftigen muss. Wenn es dann beginnt auszufallen rasiert man sie einfach ab, sobald man etwas sieht. So weit so gut, Tage vergehen und bei jedem Haare Kämmen und jedem Haare Waschen merkst du, wie immer mehr Haare sich in der Bürste ansammeln und immer mehr Haare im Abfluss landen. Irgendwann wachst du auf und dein ganzes Kissen ist voller Haare, deine Klamotten sind voll und im Besten Fall landen sie noch schön im Essen. Es vergeht also wirklich nicht viel Zeit und die verfluchten Haare sind einfach überall. Ich habe in den Spiegel geguckt und gesehen wie mein Haar immer dünner und dünner wurde und war einfach nur genervt, dass sie nicht mehr auf meinem Kopf waren, sondern überall sonst. Außenstehende konnten überhaupt nicht erkennen, dass meine Haare ausfielen, da ich so unglaublich viele Haare habe oder jetzt hatte, dass es vermutlich ewig gedauert hätte, bis alle von alleine ausgefallen wären. Aber jetzt sind wir mal ganz ehrlich, ist es nicht noch tausend Mal schlimmer als die Haare abzurasieren, zu sehen wie alle langsam aber sicher ausfallen und man nach und nach immer kahler wird? Ich persönlich wollte es zu keinem Zeitpunkt soweit kommen lassen. Schon nach etwas mehr als zwei Wochen hatte ich so die Schnauze voll von meinen Haaren, dass ich für mich selber beschloss die noch festen Haare in naher Zukunft einfach loszuwerden und sich den ganzen Stress nicht mehr anzutun. Doch irgendwie schiebt man es trotzdem vor einem her. Welche Frau will schon freiwillig eine Glatze haben? Am 2. Januar, also genau 20 Tage nachdem ich ins Krankenhaus gekommen bin habe ich dann auch zu einer Schwester gesagt, wie genervt ich nur noch bin und dass ich meine Haare gerne die nächsten Tage ab hätte. „Ja, wir müssen gucken wie es zeitlich passt, wir haben momentan viel zu tun.“ Hm, ja ok, dann bleibt mir wohl noch ein bisschen Zeit mit meinen Haaren. Falsch gedacht! Gegen Mittag kam die Schwester bewaffnet mit Schere und Rasierer zurück ins Zimmer und fragte nur: „Wollen wir?“ Ehrlich gesagt war ich sehr froh, dass ich so überrumpelt wurde, sonst hätte ich es vermutlich noch Tage vor mich hergeschoben. 
Dann setzt du dich also ins Badezimmer, Kopf übers Waschbecken und los geht’s. 

Haare sind etwas Wundervolles, keine Frage, doch ich habe aus der Aktion  gelernt, dass Haare nichts am Aussehen oder der Schönheit ändern. Nur weil man keine Haare mehr hat sollte man auf gar keinen Fall sein Selbstbewusstsein und seine Selbstliebe verlieren. „Beauty comes in all shapes“und so auch mit und ohne Haare. Ich habe mich so an meine Glatze gewöhnt, dass ich Fotos auf denen ich keine Perücke trage oft sogar schöner finde, als mit Perücke, sie sehen besonders aus. Es ist super die Perücke zu haben, keine Frage, man sieht gesund aus und wird nicht angestarrt, doch ich schäme mich nicht für meine Glatze und habe kein Problem sie zu zeigen. Ich habe diese Krankheit und es gehört dazu, auch wenn die Leute glotzen. Ich liebe es mich fertig zu machen und schöne Kleidung zu tragen, darauf werde ich nicht verzichten, nur weil ich krank bin. Ich fühle mich auch ohne Haare als ganze Frau. 

*unbezahlte Werbung durch Markennennung/verlinkung

Einfach mal so richtig Pech gehabt.


„An was denken Sie, wenn Sie an eine Krankheit des Blutes denken?“ – natürlich nicht sofort an Leukämie. Leukämie ist das, was die in irgendwelchen Filmen haben, oder die Menschen, die in der Zeitung stehen, aber nicht ich. Dann aber zu hören: „Es könnte Leukämie sein“, ist einfach nur unwirklich und fern ab jeder Realität. Du malst dir aus, was es alles sein könnte, denn Leukämie, also Krebs, ist vollkommen ausgeschlossen. Hallo? Ich bin 22, da hat man eben einfach keinen Krebs, außerdem haben Leukämie eh nur alte Menschen und kleine Kinder, also sicher nicht ich. Und trotzdem erklärt dir auch der zweite Arzt, der Hämatologe, der Spezialist: „Sie haben Leukämie, eine sehr gut behandelbare Form, aber es ist eine trotz allem eine bösartige Blutkrankheit, die schnellst möglich behandelt werden muss.“  
Was macht man also in dieser Situation, in der man eigentlich damit gerechnet hat zu hören, dass alles halb so schlimm ist, und dass man abends wieder gemütlich mit seinem Freund auf dem Sofa liegen würde und irgendwelche Serien auf Netflixgucken würde. „Wir würden Sie gerne direkt in der Notaufnahme aufnehmen, haben Sie irgendjemanden, der Ihnen Sachen bringen kann?“ Renn mal gegen eine Wand, lass dir ins Gesicht schlagen, oder einfach direkt in die Magenkuhle, das ist angenehmer. 
Der 11.12., also natürlich auch direkt vor Weihnachten, war der Tag, an dem ich das letzte Mal in meinem Bett aufgewacht bin, ohne Medikamente zu nehmen, oder direkt Blut abgenommen zu bekommen. An dem ich das letzte Mal mich geschminkt habe und mich richtig fertig gemacht habe. Keine Ahnung von dem was auf mich zu kommt. Es war doch einfach nur eine Erkältung, die nicht weg ging. Ja ok, vielleicht war ich ein bisschen schlapp in der letzten Zeit, aber mir geht es doch gut. Mir geht es doch die ganze Zeit immer gut.

„Warum ich?“, klar ist es das erste was man sich fragt. Man guckt fernsehen, sieht Leute am Fenster vorbeilaufen, Menschen in Zeitschriften oder auf dem Handy, die alle gesund sind und es am besten nicht einmal zu schätzen wissen und man fragt sich „warum ausgerechnet ich?“. Es ist Pech, ganz einfach gesagt und dieses Mal habe ich einfach mal so richtig Pech gehabt. Es gibt keinen Grund warum man diese Form von Leukämie bekommt. Raucher, die Lungenkrebs bekommen zum Beispiel haben einen Auslöser, ein Tumor, wenn man Strahlung ausgesetzt ist, ein Grund, doch hier gibt es das nicht, es kann jeden treffen, jeder Zeit und dieses Mal hatte ich eben das reine Pech. Die Ärztin nannte es: „Eine Zelle, die im Körper verrückt spielt und der dann viele weitere Zellen folgen“, kein Einfluss von Außerhalb, einfach eine einzige Zelle, die sich nicht richtig entwickelt und eine bösartige Blutkrankheit auslöst, die einfach auf einen Schlag dein ganzes Leben verändert. 


Eigentlich gab es keinen Moment in dem ich nicht positiv gedacht habe. Ich kann es nicht erklären, aber für mich ist es nicht so, als wäre ich schwer krank und als wäre es Krebs. Ich fühle mich nicht so, ich bin immer noch ich, ganz unverändert. Klar fehlen mittlerweile die Haare und das Krankenhaus ist zu meinem neuen Zuhause geworden, aber ich bin immer noch ich. Natürlich gibt es Tage an denen ich merke, dass ich schwach und müde bin und einfach nicht das schaffe, was ich gerne möchte, an denen die kleinsten Dinge, wie duschen oder mich umziehen eine richtige Anstrengung sind, aber ich bin immer noch ich. Für mich ging es ab dem Zeitpunkt an dem ich realisiert habe, dass ich tatsächlich nicht nur einen Schnupfen habe in eine Richtung und zwar nach vorne. Für mich gibt es keine andere Richtung, keine andere Option als Kerngesund werden! 

Klar lässt einen dieser „Warum-ich-Gedanke“ nie ganz los, doch man findet sich schnell damit ab und ist froh, dass man selber es hat, man selber dagegen kämpfen kann, es in die eigene Hand nehmen kann und es nicht zum Beispiel jemand aus seiner Familie, jemand von seinen Freunden trifft und man untätig danebenstehen muss. Ich bin stark und komme sehr gut mit der Krankheit und der Therapie klar, mir fällt es nicht schwer vor anderen Menschen damit umzugehen, ich habe nun einmal die Krankheit, warum es verheimlichen oder herunterspielen. Die Familie hat es häufig viel schwerer damit klar zu kommen, sie müssen danebenstehen, können nichts tun und versuchen es dennoch ohne Erfolg. Ich denke viele, viele Menschen würde es schwerer fallen mit all dem umzugehen und dass ich die Krankheit bekommen habe, war wie gesagt reines Pech. Wenn einem fünf Ärzte unabhängig voneinander sagen, dass man wieder kerngesund wird, es aber ein sehr langer und schwerer Weg wird, dann geht man den Weg, denn es geht nur in eine Richtung, nichts anderes kommt in Frage. 

  • Blazer: Hallhuber
  • Hose: Levis
  • Schuhe: Sacha Shoes
  • Gürtel: Moschino
  • Rollkragen: H&M

*Werbung durch Markennennung